Kopenhagen/Wien. Am Ende standen die Tränen - aber Tränen der Freude: Conchita Wurst hat das scheinbar Unvorstellbare geschafft und 48 Jahre nach Udo Jürgens' "Merci Cherie" zum zweiten Mal den Eurovision Song Contest für Österreich gewonnen. In Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen konnte sich die bärtige Lady mit ihrer Glamournummer "Rise Like A Phoenix" gegen 25 andere Länder durchsetzen.

Wurst konnte sich nach einem anfänglich spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen mit der niederländischen Gruppe The Common Linnets bei der Punktevergabe letztlich doch deutlich mit 290 zu 238 Punkten vor die Holländer setzen und die lange favorisierte Schwedin Sanna Nielsen mit 218 Punkten auf die Plätze verweisen. Damit hat die Kunstfigur des Sängers Tom Neuwirth, mit der er für Toleranz und gegen Homophobie eintreten möchte, einen guten Teil Europas auf ihre Seite gebracht - und oftmals sogar Regionen, die als sichere Nullpunktegeber gegolten hätten.

13 Mal die Höchstwertung
Insgesamt konnte Conchita Wurst 13 Mal die Höchstwertung 12 Punkte abstauben - darunter aus dem erzkatholischen Irland ebenso wie aus Israel. Auch die 10 Punkte aus Georgien, die 8 Punkte aus der Ukraine oder immerhin 5 Punkte aus dem wegen seiner Anti-Homosexuellengesetze stark kritisierten Russland standen im Vorfeld nicht auf der Rechnung. Dass im Gegenzug der als sichere 12er-Bank gerechnete große Nachbar Deutschland nur 7 Punkte nach Österreich schickte, lag am Jury-Voting: Die deutschen Zuschauer wählten Wurst bei ihrer Abstimmung auf Platz eins, die fünfköpfige Experten-Jury - darunter der Berliner Rapper Sido - sah sie dagegen nur auf Rang 11.

Noch vor wenigen Tagen hatte Conchita Wurst als zwar präsente Kandidatin, aber allenfalls mit Außenseiterchancen gegolten. Die barttragende Dame würde zu sehr polarisieren, um wirklich Platz 1 zu erringen, vermuteten die meisten Beobachter. Aber mit einer konstant herausragenden Leistung auf der Bühne, einem Charisma und einem Auftreten als echte Diva mit Eleganz und Witz stieg sie zur bärtigen Königin der Herzen beim ESC-Tross vor Ort und letztlich in ganz Europa auf.

1,544 Millionen ZuschauerInnen
Das galt übrigens - nach einem längeren, von Zweifeln und Kritik am Auswahlmodus geprägten Weg - auch für Österreich. Sagenhafte 73 Prozent Marktanteil bescherte das Voting am Samstag dem ORF - mit Spitzen von 1,544 Millionen Zuschauern. Diese werden ansonsten allenfalls bei nationalen Wahlen oder herausragenden Sportereignissen erreicht. Und auch in den Sozialen Medien trat Conchita einen Siegeszug an: Mehr als 200.000 Facebook-Fans hat sie seit Beginn des ESC-Spektakels Anfang Mai dazu gewonnen. Und die Zahl ihrer "Twitter"-Follower hat sich seit Freitag auf 45.000 verneunfacht.

Noch immer überwältigt von dem letztlich auch für sie unerwarteten Triumph zeigte sich Conchita Wurst am Sonntagmittag bei der Rückkehr aus Kopenhagen im Rahmen einer Pressekonferenz am Wiener Flughafen. Dass ihr Gewinn auch politisch zu verstehen sei, hofft die Drag Queen sehr: "Es war nicht nur ein Sieg für mich, sondern ein Sieg für die Menschen, die an eine Zukunft glauben, die ohne Ausgrenzung und Diskriminierung funktionieren kann." Den Blick nach vorne hatte Wurst allerdings bereits in der Nacht in Kopenhagen gerichtet und sich selbst ins Spiel als mögliche Gastgeberin des 60. ESC in Österreich gebracht.

Die Planungen für das Megaevent - immerhin der größte Musikwettbewerb der Welt mit mehr als 120 Millionen Fernsehzuschauern - sollen gleichsam am Montag beginnen, wie ORF-TV-Unterhaltungschef Edgar Böhm überglücklich versicherte. Man werde eine Task Force freistellen, welche die Veranstaltung vorbereite: "Das ist ein Riesentschoch." Laut ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz habe man schon begonnen, Gespräche zu führen. "Es ist eine große Aufgabe, die eine nationale Kraftanstrengung sein muss. Die Republik, die Stadt, die das austragen wird, so etwas kann nur funktionieren, wenn das ganze Land hinter der Idee steht", so Wrabetz. Die für viele offensichtliche erste Wahl, die Wiener Stadthalle mit einer Kapazität von 16.000 Menschen, stehe jedenfalls bereit, wie Stadthallen-Chef Wolfgang Fischer angab.

Zunächst ist aber noch das Feiern und die Freude angesagt, was auch für die meisten Kollegen von Conchita Wurst gilt. Österreichs Pop-Export Christina Stürmer freute sich "sehr für sie und für unser Land". "Es ist einfach toll zu sehen und zu spüren, dass Europa hiermit ein Zeichen für Toleranz und gegen Diskriminierung setzt", so Stürmer. Falco-Produzent Markus Spiegel konstatierte lakonisch: "Die richtige Frau zur richtigen Zeit." Sogar Ex-ESC-Teilnehmer Alf Poier, der vorab mit Ausfälligkeiten aufhorchen ließ, gratulierte auf Facebook: "Platz 1 für Österreich ist sensationell. So viel Fairness muss sein!"

Der Sieg der bärtigen Diva wird nicht zuletzt auch von der Mehrheit der österreichischen Politiker als Zeichen für Toleranz und Respekt gewertet - vom Bundespräsidenten abwärts. "Dass sie ihren Sieg all jenen widmete, die an eine Zukunft in Frieden und Freiheit glauben, macht ihn doppelt wertvoll. Ein schöner Tag für Österreich!", konstatierte etwa Heinz Fischer.