Wien. Fünf Monate ist es her, dass Conchita Wurst beim Songcontest triumphiert hat. Seither reist sie quer durch Europa, zu Medien- und Konzertauftritten, am Mittwoch war sie auf Einladung von Abgeordneten aus fünf Fraktionen zu Gast in Brüssel, sprach vor den internationalen Pressevertretern und gab anschließend ein kurzes Konzert.

Am Abend zuvor war Conchita Wurst noch Startgast beim Sustainability Award in den Wiener Sophiensälen. Die Preise für unternehmerische Nachhaltigkeit wurden zum dritten Mal vergeben, den Hauptpreis erhielt Interface Deutschland mit seiner Idee, Teppichfliesen aus ausrangierten Fischernetzen zu erzeugen. Im Vorfeld der SE-Awards bekam die "Wiener Zeitung" Gelegenheit mit Conchita Wurst zu sprechen.

"Wiener Zeitung": In wie vielen Ländern waren Sie denn schon seit dem Songcontest?

Conchita Wurst: Hm. Überschlagsweise würde ich sagen 15.

Bekommt man da überhaupt ein Gefühl, auch woanders zu sein, oder sieht man primär Flughäfen?

Es ist schon vorwiegend so: Hotel, Veranstaltung, Flughafen, Auto. Ich war sieben Mal in Paris, erst beim letzten Mal habe ich’s auf den Eiffelturm geschafft und auch nur wegen der Arbeit.

Verändert sich der Blick auf Österreich, wenn man ständig reist?

In Paris habe ich nicht das Gefühl, weit von zu Hause weg zu sein, aber das hat mit Wohlbefinden zu tun. Bei vielen Dingen passt das Sprichwort: Die kochen auch nur mit Wasser. Man glaubt hier, dass es woanders besser und glamouröser ist, aber Österreich ist kosmopolitischer als viele denken, ich habe aber nicht das Gefühl, vergleichen zu müssen.

Es geht auch nicht um einen Vergleich. Aber wenn man sich international bewegt - das ist bei Ihnen sehr intensiv der Fall -, verändert sich oft der Blickwinkel.

Die Grenzen verschwinden definitiv. Zuhause ist der Anteil an Freizeit größer, denn im Ausland bin ich immer, um zu arbeiten. Österreich entschleunigt mich deshalb ein bisschen. In dieser Hinsicht hat es sich verändert.

Bei Ihrem Sieg haben Sie "We are unstoppable" gerufen. Das "We" war nicht auf Österreich gemünzt, sondern dahinter steckte ein Anliegen, das nicht an Nationalstaatlichkeit gebunden ist. Was hat sich seither verändert?

Es war ein ganz großes Statement von Europa an die Welt, aber ein Statement reicht nicht. Viele haben aber ihre Meinung über mich zumindest teilweise geändert. Ein Mann hat mir unmittelbar nach dem Sieg geschrieben, dass er meinen Stil gehasst hat. Er mag ihn zwar immer noch nicht, aber er findet, ich rede keinen Blödsinn. Das fand ich schön, und mehr erwarte ich auch nicht. Man muss mich nicht lieben, sondern respektieren, dass ich da bin. Genauso wie ich respektieren muss, dass es die FPÖ gibt. Es gibt natürlich viele, die sich eine gespielte Toleranz ans Revers heften.

Es gibt aber nicht nur Heuchler. Bei anderen gesellschaftspolitischen Themen in diesem Jahr war eine Art Backlash zu bemerken, etwa beim Hymnen-Streit oder der Debatte um das Binnen-I. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich habe da ein kleines Beispiel. Ich hatte einen Auftritt in der Steiermark, alles war wunderbar. Befreundete Musiker sind geblieben, die einen Frontsänger hatten, der für einige als homosexuell abzustempeln ist. Und es gab Menschen im Publikum, die ihn beschimpft haben. Sie jubeln einer Transe mit Bart zu - und dann das? Das stimmt mich natürlich ratlos, nichtsdestotrotz muss ich daran glauben, dass mein Sieg etwas bewirkt hat, dass dadurch ein Stein ins Rollen kam.

Fangen wir im Kleinen an, bei Ihrer Heimatgemeinde Bad Mitterndorf, die auch plötzlich im Mittelpunkt gestanden ist. Was hat sich dort verändert? In Ihrer Biografie schwingen ja auch Themen wie Mut, Sich-Öffnen und Rauskommen eine Rolle.

Aus Bad Mitterndorf habe ich jetzt keine Beispiele, aber ich habe schon viele Nachrichten bekommen von Menschen, die 20 Jahre im Büro gesessen sind. Ich hätte ihnen gezeigt, dass es auch anders geht, dass man auch das machen kann, was einem wirklich Spaß macht. Sie haben ihren Job geschmissen und sind jetzt Florist oder Bäckermeisterin. Und das ist großartig, deshalb nehme ich Rückschläge in Kauf.

Welche Rückschläge sind das?

Zum Beispiel die EU-Wahl, bei der die Konservativen so stark geworden sind. Erst hat Europa eine Dragqueen mit Bart zur Gewinnerin beim Song Contest gewählt, drei Wochen später hat es in die konservative Richtung gewählt.

Wie sehr interessiert Sie Politik?

Ich bin wirklich verdammt stolz darauf, gefragt worden zu sein, in Brüssel zu sprechen. Aber wovon ich rede, glaube ich, kann man nicht als Politik bezeichnen.

Es ist Gesellschaftspolitik.

Das schon, aber eigentlich ist es das Menschlichste, das wir verdient haben. Und da können wir ins Kleinste gehen. Niemand hat Lust darauf, in der Straßenbahn angepöbelt zu werden, weil er blaue Schuhe trägt. In solche banale Richtungen geht es aber. Es geht um das Grundrecht auf Respekt und Freiheit. Das sollte kein Politikum sein, ist es aber.

In Österreich wird eher über Steuerreform und Bundesheer diskutiert. Haben diese innenpolitischen Themen für Sie zu viel Gewicht?