Helsinki. Knapp drei Monate vor dem Eurovision Song Contest sind seine ersten Stars bekannt. Hellseherisches Talent braucht es nicht, um der Band Pertti Kurikan Nimipäivät im Mai eine Hauptrolle zu prophezeien. Was vor allem an der Besetzung liegt: Vier Männer aus Helsinki zwischen 30 und Ende 50 und damit in den besten Punkrock-Jahren, denn diesem Stil haben sie sich verschrieben. Was sie sonst noch vereint, ist, dass jeder eine geistige Behinderung hat. Mit dem Stück "Aina mun pitää" gewannen sie am Wochenende das Finale der finnischen Vorausscheidung - das Publikum favorisierte das Quartett.

Bis dorthin war es war ein weiter Weg für Sänger Kari Aalto, Bassist Sami Helle, Drummer Toni Välitalo und Pertti Kurikan, Gitarrist und Galionsfigur der Band, die sich, weil er so gerne über seinen Namenstag (finnisch: nimipäivät) erzählt, gleich nach diesem Fest benannt hat. Begonnen hat er bereits 2004 mit einem Musikworkshop im Kulturzentrum Lyhty in Helsinki. 2009 entstand daraus die Band. Weit mehr als 100 Gigs haben die vier bislang gespielt, in Finnland und Norwegen, England, der Schweiz und Deutschland.

Behinderte spielen "auch" Fußball

Erste internationale Bekanntheit bekamen sie durch den Dokumentarfilm "The Punk Syndrome", der 2012 auf dem Festival du Reel in Nyon seine Premiere feierte. Ein intimes Porträt einer der außergewöhnlichsten Band, die sich je an gewöhnlichen Midtempo-Zweiminütern im Stil der frühen Ramones versuchten. Die Fusion aus Behinderung und Rebellion ist mehr als das Konzept der Band, sie entspringt den Lebensumständen ihrer Mitglieder. Was durchaus provokant ist in einer Mehrheitsgesellschaft, die im Zeichen der Inklusion begrüßt, dass Behinderte "auch" bestimmte Dinge tun: auch Fußball spielen, auch kreativ sind, auch Sex haben. Aber rauchen, fluchen und der Fuck-you-Attitüde frönen?

Mit gönnerhafter Bevormundung jedenfalls haben Pertti Kurikan Nimipäivät keinen Vertrag. "Wir bringen eine andere Perspektive in den Punk", sagt Bassist Sami Helle, der zum Teil in den USA aufwuchs und Englisch spricht. Sie zeigt sich im Vorwurf an Politiker - "sie kümmern sich einen Scheiß um uns Behinderte" - aber auch im beständigen Widerwillen, mit dem Sänger Kari Aalto sich den verhassten Terminen bei der Fußpflegerin zu entziehen versucht: "Verfluchte Pediküre, Sie sind beschissen!" Der Film zeigt Aalto in einer Situation, in der er die Schnauze voll hat: vom Leben in der Gruppe und davon, dass man ihn überall gemeinsam mit dem Bassisten hinschickt. Also kündigt er bei einer Probe an: "Eines Tages jage ich das Heim in die Luft!"

Angestrebte Emanzipation vom fremdbestimmten Alltag

Down Syndrom (Trisomie 21), Williams- Syndrom, MBD und Intelligenzschwäche - dies ist die Palette der Diagnosen von Pertti Kurikan Nimipäivät. Was sie daraus ableiten, ist die erstrebte Emanzipation von einem Alltag, dessen Konturen andere für sie definiert haben. Auch beim Song Contest, den besonders der Namensgeber seit jeher mit Leidenschaft verfolgt, werden Pertti Kurikan Nimipäivät sich der Frage der Selbstbestimmung Behinderter widmen: Ihr Titel lautet: "Immer muss ich."

Jenseits dieser Thematik aber erscheint die Konstellation eigenartig bekannt: Da ist der charismatische Frontmann, rauchend, trinkend, mit Aufnähern von Motorradclubs. Der Gitarrist und kreative Kopf, ein hochemotionaler Zweifler, der auf der Bühne mit saftigen Flüchen um sich schmeißt. Der jugendliche Drummer mit Anarchie-A und Nietenjacke, aber gleichzeitig die Freundlichkeit in Person. Und dann der gewaltige Bassist mit notorischem Basecap, der so gar nicht nach Punk aussieht und in der Band spielt, weil er ein guter Kumpel ist. Könnte es sein, dass diese Band intern genauso funktioniert wie eine ohne Handicap?