Wien. Es ist mehr als nur ein Unterhaltungsevent. Wenn am 23. Mai der 60. Eurovision Songcontest in Wien ausgetragen wird, steht nicht nur die Musik im Mittelpunkt des Geschehens: "Bei einem Wettbewerb, in dem sich Länder gegenseitig bewerten müssen, spielt immer auch eine politische und kulturelle Komponente mit, die ausgetragen wird", ist sich Irving Wolther, Autor und ESC-Experte, sicher.

Anlässlich einer neuen Ausgabe von "TEXTE - öffentlich-rechtliche Qualität im Diskurs", eine ORF-Schriftenreihe, die sich diesmal dem Thema "Eurovisionen...mehr als Musik?" widmet, diskutierte er am vergangenen Dienstagabend im Radiokulturhaus über die zahlreichen Aspekte und Möglichkeiten, die der ESC abseits des Musikwettbewerbs bietet. Gemeinsam mit anderen Experten wurde debattiert, welche Bedeutung der Songcontest hat und ob er mehr als ein Schlagerwettbewerb sein kann.


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Dossier: www.wienerzeitung.at/esc2015
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Unter den Diskutanten fanden sich neben Irving Wolther auch Beatrix Neundlinger, Künstlerin und Ex-"Schmetterling", Dean Vuletic, ESC-Experte und Historiker von der Universität Wien, Executive Producer für den Song Contest Edgar Böhm, Harald Huber vom Österreichischen Musikrat und Rapperin, Slam-Poetin und Jurorin beim alljährlichen Protestsongcontest, Yasmin Hafedh.

Nachbarschaften auffrischen

Über die vielen Chancen, die ein solcher Wettbewerb mit sich bringen kann, waren sich alle Diskutanten schnell einig.

Irving sieht in der Veranstaltung durchaus eine gute Möglichkeit, einen neuen Zugang zu Europa sowie die Nähe zu Nachbarn zu finden, die man "unter Umständen vielleicht aus den Augen verloren hat". Deshalb sei das diesjährige Motto und der gewählte Slogan "Building Bridges" auch äußerst passend, wie Edgar Böhm weiter ausführte. Es gehe dabei um Brücken, die beim Auftritt von Conchita Wurst im vergangenen Jahr gebildet wurden und nun fortgesetzt werden sollen.

Harald Huber sprach als weiteren Aspekt die Bedeutung des ESC für die österreichische Musikszene an. Diese verbinde den Song Contest in Wien vor allem mit Hoffnungen. Hoffnungen, dass es auch im musikalischen Bereich zu mehr europäischer Integration komme.

Im Diskussionsverlauf kam selbstverständlich auch die Sprache auf jene Künstlerin, mit der alles begonnen hat. Für Yasmin Hafedh sei Conchita Wurst "im Prinzip auch nichts anderes als eine politische Message". Eine Aussage, welche die Rapperin gleich im Anschluss mit einem nachdrücklichen "also selbstverständlich nicht nur!" relativierte. Auch Beatrix Neundlinger, die den Abend mit Geschichten aus ihrer Zeit bei der Band "Schmetterlinge" auflockerte, meldete sich hier zu Wort und erinnerte daran, dass nicht Österreich mit dem Sieg im vergangenen Jahr ein Zeichen von Toleranz gesetzt habe, sondern dass dieser Verdienst alleine Conchita gebühre. Auch sei sie der Meinung, dass ein einziges Lied nicht die Welt verändern könne, dass sich aber "die Gesellschaft verändern kann".

Finanzielle Komponente

Edgar Böhm freut sich hingegen bereits über eine moderne aber geschmackvolle Weise, in der sich Österreich als Gastgeberland präsentieren werde. Und er verspricht, dass der ORF gestärkt aus dem Großevent hervorgehen werde.

Viele weitere Themen wurden an diesem Abend gestreift. Zum Beispiel die finanzielle Komponente für kleine Gastgeberländer. Oder was die Teilnahme von Australien über den europäischen Charakter des Wettbewerbs aussagt. Beschlossen wurde der Abend noch mit einer für Österreich erfreulichen Antwort auf die Frage: Ist der diesjährige österreichische Beitrag frei von Plagiatsvorwürfen? Harald Huber wurde mit der Untersuchung beauftragt und stellte fest: Ja. Bei "I’m Yours" von The Makemakes könne man zwar beim Refrain eine Ähnlichkeit zu bereits veröffentlichten Songs international erfolgreicher Künstler erkennen, diese seien jedoch so minimal, dass man deshalb nicht von einem Plagiat sprechen könne. Das würde er so auch vor jedem Gericht bestätigen.