Im Publikum werden Bemerkungen zu den Songs auf der Leinwand gemacht, es wird bewertet, verglichen und ESC-fachgesimpelt. "Die Show war schlecht", sagt ein OGAE-Mitglied über die deutsche Vorausscheidung 2015. "Ja, aber Hut ab vor der Barbara Schöneberger - echt gut, wie die reagiert hat, als der Kümmert sagte, dass er aussteigt", lobt sein Nachbar. "Wenn die Zoe französisch gesungen hätte, hätte sie die Vorausscheidung gewonnen", hört man aus einer anderen Ecke. Viele Fans kritisieren, dass nicht mehr in der Landesprache gesungen wird. "Damit wird alles austauschbar", sagt ein Fan aus der Steiermark, der schon Song Contest schaut, "seit die Nicole 1982 gewonnen hat" . Hat er im Vorjahr mit dem Sieg von Conchita gerechnet? "Spätestens beim zweiten Semifinale habe ich auf sie getippt - ich hätte aber nicht gedacht, dass Europa für sie bereit ist."

"I'm a golden boy, come here to enjoy", tönt es als Refrain-Begleitung zum israelischen Beitrag lautstark aus den hinteren Reihen. Auch hier sind die heurigen Song-Contest-Lieder also schon bestens bekannt. Aber wie pickt man aus 40 Beiträgen, die irgendwann alle ähnlich klingen, die besten zwölf raus? "Jeder von uns hat schon vorher seine persönliche 12-points-Liste, die dann immer weiter verfeinert wird", erklärt ein Fan aus dem singenden Trio sein System. "Ich mache Kreuzerl bei denen, die ich gut finde, alle anderen lasse ich gleich weg. Kommen zwei schlechte Beiträge, ist man leicht geneigt, den nächsten nur halbwegs besseren schon als gut zu bewerten - in diese Falle darf man bloß nicht gehen." Die Wertung erfolgt auch an diesem Abend nach dem Song-Contest-Punktesystem: Platz eins bekommt zwölf Punkte, Nummer zwei und drei zehn und acht Punkte, dann folgen die Punkte sieben bis eins. Was einen echten ESC-Fan ausmacht? "Man muss verrückt genug sein, das alles über sich ergehen zu lassen und es gut zu finden!", sagt ein Langzeit-Fan lachend.

Noch vor ein paar Jahren hatte der OGAE Austria nicht viel mehr als 50 Mitglieder, nach dem Sieg von Conchita Wurst vor einem Jahr sind die Mitgliedzahlen sprunghaft angestiegen. Die Vorteile für Fans: Man kommt an die besten Karten für die Song-Contest-Shows, es gibt Treffen, Clubbings und Konzerte, bei denen Fans aus allen Ländern zusammenkommen. Volksschullehrerin Michaela ist erst seit einem Jahr OGAE-Mitglied, der Song Contest fasziniert sie aber schon seit sie ein Kind war: "Ich erinnere mich noch gut an den violetten Anzug von Thomas Forstner, als er 'Nur ein Lied' präsentierte!" Mit der griechischen Siegerin von 2005, Elena Paparizou, ist sie persönlich befreundet, bei ESC-Clubbings macht sie gerne die DJane. Sie mag am Song Contest den "fröhlichen Pop, die schönen Balladen". Heuer tippt sie auf Schweden als Sieger: "Den Beitrag habe ich auch schon meinen Schülern vorgespielt." Der heurige österreichische Song habe ihr "zu wenig Song-Contest-Style".  An der OGAE gefalle ihr, dass man als Mitglied die Möglichkeit habe, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen - "mit Leuten, die verstehen, dass einem der ESC gefällt, besonders in Österreich, das ja nicht so die Song-Contest-Nation ist. Obwohl sich das durch den Sieg von Conchita etwas verändert hat".

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