Markus Tritremmel freut sich auf seinen zehnten Live-Besuch des Song Contests, diesmal hat er’s nicht weit in die Stadthalle. - © Stanislav Jenis
Markus Tritremmel freut sich auf seinen zehnten Live-Besuch des Song Contests, diesmal hat er’s nicht weit in die Stadthalle. - © Stanislav Jenis

Der Song Contest lebt von seinen Fans, die in den vordersten Reihen in den Hallen für Stimmung sorgen. Markus Tritremmel (36) ist seit 10. 11. 2012 Präsident der österreichischen Song-Contest-Fangemeinschaft OGAE (Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovison) und war bereits neun Mal in den unterschiedlichsten Ländern dabei - dieses Jahr ist sein zehntes Mal. Die "Wiener Zeitung" traf den Grazer, der im Hauptberuf im Management eines Mobilfunkbetreibers tätig ist, zum Gespräch in Wien.

"Wiener Zeitung": Seit wann sind Sie Song-Contest-Fan?

Markus Tritremmel: 1990 habe ich den Song Contest zum ersten Mal verfolgt, 1991 hat es mich dann richtig erwischt, als mein Favorit tatsächlich gewonnen hat. Das war ein Herzschlagfinale - Frankreich und Schweden waren punktegleich. Man war für diesen Fall gerüstet - nach 1969, wo es vier Sieger gab. 1991 gab es die Regelung, wer mehr 12er-Punkte und 10er-Punkte hat, gewinnt - das war Carola aus Schweden, mein Favorit. Da war es um mich geschehen. Seitdem habe ich den Song Contest jedes Jahr verfolgt. Relativ spät - erst 2004 - war ich dann bei meiner ersten Eurovision und seitdem fast durchgehend live dabei. Zwei Jahre habe ich ausgelassen, Kiew 2005 und Aserbaidschan 2012. Bei Letzterem wollte ich ein Statement abgeben, weil es ein Land ist, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Somit habe ich dieses Jahr - zeitgleich mit dem 60-Jahr-Jubiläum des ESC - mein zehnjähriges Jubiläum.



Welche Veranstaltung war denn bisher die beste?

Das ist sehr unterschiedlich. Gesamt gesehen habe ich Helsinki (2007, Anm.) ganz toll gefunden. Obwohl Helsinki in keinem meiner Einzel-Rankings ganz vorne ist. Ich habe da eigene Kategorien. Die Bühne von Moskau (2009, Anm.) wird es wahrscheinlich nie wieder geben, so imposant war sie. Von der Halle her war die Olympiahalle in Athen (2006, Anm.) die beste. Vom Organisieren waren die Deutschen (2011, Anm.) sehr gut. So hat jedes Jahr seine Besonderheiten. Und Belgrad (2008, Anm.) hat wieder mit der Herzlichkeit der Menschen überzeugen können.

Was fasziniert Sie am Eurovision Song Contest (ESC)?

Es ist eigentlich gar nicht die Eurovision selber, diese drei Stunden der TV-Übertragung, sondern die letzten zwei, drei Minuten davor, wenn die Halle ganz unruhig wird, das Fahnenmeer zu sehen ist und man diesen europäischen Gedanken spürt. Auch wenn es Eurovision heißt und nicht "European Song Contest", ist dieser europäische Einheitsgedanke da, und das finde ich total schön.

Wie politisch ist der ESC?

Der Eurovision Song Contest war immer auch politisch, mit dem Höhepunkt im vergangenen Jahr, weil der Sieg von einem Act, der für Toleranz und Respekt steht, ein Politikum ist. Es war Conchitas Jahr, es war genau das richtige Jahr. Die Winterolympiade war in Sotschi, was auch für Aufsehen gesorgt hat, weil sich die Menschenrechte dort noch nicht wirklich durchgesetzt haben. Da hat die ESC-Community entschieden, ein Zeichen zu setzen. Die Krönung war Conchitas perfekter Act. Sie hat gewonnen, weil man ein Zeichen setzen wollte, aber sie hätte so oder so ganz vorne mitgespielt. Es war die Kombination aus beidem.

Wie sehr ist der ESC eine Punkteschieberei oder eine ausgemachte Sache? Gerüchten zufolge soll der Sieg Aserbaidschans in Düsseldorf eine Sache zwischen Deutschland und der Erdöl-Industrie gewesen sein.

Vergangenes Jahr war ich bei der EBU (European Broadcasting Union, Veranstalterin des ESC, Anm.) bei einem Meeting. Sie sagten, dass sie sicherstellen, dass der österreichische Beitrag in Weißrussland, in Russland ausgestrahlt wird. Es gab Tests, bei denen kontrolliert wurde, ob bei Conchita nicht plötzlich ein Flimmern zu sehen ist. Und insofern glaube ich nicht mehr, dass der Song Contest eine geschobene Sache ist. Beim Televoting hat uns Russland ganz hoch gewertet. Die Jury ist eine andere Geschichte, die ist beeinflussbar. Aber als es darum gegangen ist, anonym seine Wertung abzugeben, haben die Russen genauso gezeigt, dass der österreichische Act toll ist und auch die Weißrussen und so weiter. Nur bei den Jury-Wertungen waren die jeweiligen Länder noch nicht so weit. Auch beim Aserbaidschan-Sieg war es eine hoch professionelle Nummer, die am Ende des Tages die meisten Punkte hatte. Es war kein überragender Sieg, aber man hat schon gewusst, die wollen einmal gewinnen.



Hat sich das Abstimmungsverhalten bestimmter Länder verändert? Zum Beispiel bei Rumänien und Bulgarien, als sie 2007 der EU beigetreten sind?

Es hat immer diese Ostblock-Allianz gegeben, oder die Skandinavien-Allianz. Ich würde das gar nicht so sehr politisch sehen, sondern als eine Herzenssache. Rumänien wechselt sich mit Moldawien ab, die geben einander meistens die 12er. So wie auch Zypern und Griechenland. Mittlerweile ist das auch zwischen Deutschland und Österreich einigermaßen eingespielt, wo es jahrelang geheißen hat, sie geben uns nichts und wir geben ihnen nichts. Auch da ist es so, dass wir kulturell mit ihnen verbunden sind. Wir haben oft gleiche Fernsehsender und dann ist auch das deutsche Lied in Österreich bekannter, als Hausnummer das norwegische, weil einfach unsere Kulturen ähnlich sind.