Den Alpen-Elvis, den gab es schon lange vor Andreas Gabalier, und das, man stelle sich vor, in Zeiten, als es der Rock’n’Roll hierzulande noch schwer hatte: In den Nachkriegsjahren nämlich, da tourte der juvenile Ferry Graf mit seinen Rocker’s durch Deutschland und Österreich, "Hotel zur Einsamkeit" hieß die 1956 erschienene Single, eine Coverversion von Elvis Preselys "Heartbreak Hotel" (erst jüngst wiederentdeckt auf der "Schnitzelbeat"-LP/CD-Serie), mit dem fetzigen Song "Rocky Tocky Baby" auf der B-Seite. Der Niederösterreicher aus Ternitz landete schlussendlich in Anzug mit legerem Mascherl, weißem Hemd und einem strahlenden Lächeln drei Jahre später beim Song Contest. Er wurde in der Vorausscheidung ausgewählt, in Cannes Österreich zu vertreten.

Ein Superhit sollte es werden, doch daraus wurde nichts. Am 11. März 1959 trat Ferry Graf an und wurde mit dem Schlager "Der K. und K. Kalypso aus Wien" aus den Federn von Norbert Pawlicki und Günther Leopold hinter "Heute Abend woll’n wir tanzen gehen" der deutschen Kessler-Zwillinge ex aequo mit Brita Borg aus Schweden und noch vor Monaco am 9. Platz Vorletzter. Aus der Schweiz und aus Monaco kam je ein Punkt, zwei Punkte gab Schweden her.


Link-Tipps
Zum Hören: Ferry Graf und seine Rocker's: "Hotel zur Einsamkeit"
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Paprika, Polka, Strauss

Sogar einen kleinen Jodler hatte der 27-Jährige extra nach Cannes mitgenommen. Dabei war, wie Graf vor ein paar Jahren den "OÖN" erzählte, das von ihm gar nicht so gewollt. Der Jodeleinschub sei auf Wunsch des ORF-Fernsehdirektors eingebaut worden. Und überhaupt habe er mit dem "K. und K. Kalypso" nicht viel anfangen können, sagte er weiter. Er hätte sich gewünscht, etwas Internationaleres zu singen, im Stile von Sinatra etwa. Doch es sollte ein Potpourri aus verschiedenen Musikstilen wie Cha-Cha-Cha, Walzer, Polka oder Marschmusik werden, in dem der ungarische Paprika ebenso wenig fehlen durfte wie die "Polka aus Brünn" und die "Melodien von Strauss", umrahmt von einer üppigen Orchesterinszenierung - musikalisch wie textlich eine ganz und gar gewollte Anspielung an die cisleithanische Reichshälfte und ihre Kronländer.

Damals waren wir halt noch wer. Den alten Imperialismus noch nicht verdaut, den neuen Wahnsinn noch zum Greifen nahe, zeigt sich in dem Lied die Sehnsucht nach der Ferne, die Sehnsucht nach der alten Zeit gekoppelt an, wie sollte es anders sein, die Sehnsucht nach der Monarchie. Denn der Blick in die weite Welt schweift nur kurz, kommt hurtig zurück: Was brauchen wir die Kolonien der anderen, hatten wir doch selber welche. "Ein Kalypso aus Caracas, Kalypso aus Rio? Oh Nein! Kalypso aus Mexiko? Aus Wien muss er sein!" Und: "Er kommt nicht aus Ekador (sic) und er ist nicht aus Spanien, der kommt mir nur spanisch vor..." Das mit dezentem Hüftschwung vorgetragene Lied endet mit einem Ausschnitt aus dem Deutschmeister-Regimentsmarsch und einem Wink der Hand des Graf gleich dem des alten Kaisers Franz. Als wär’s das Goldene Zeitalter gewesen.