Der Blues hatte das Lamento (angesichts der Arbeit am Baumwollfeld und keiner Auswege), der Folk die zarte Anklage (angesichts etwa entweder keiner oder zu viel Arbeit und Letzteres für zu wenig Geld und ohne Arbeitnehmerrechte), und Bob Dylan hatte die Wirkungsmacht der literarischen Textierung, die ihm ungewollt die Rolle eines "Sprachrohrs" aufdrängte, der er erst als elektrifizierter Rock-’n’-Roll-"Judas" wieder entkam.

Zahllose junge Männer mit langen Bärten und Hang zu Haschisch folgten ihm nach. Sie wurden in einer säkularisierten Welt von New Yorker Kaffeehäusern aus zu Ersatzpredigern, die wie Cat Stevens über steinige Straßen, weite Täler und hohe Berge sangen, über Wege also, die keine leichten waren. Eine Veränderung der Verhältnisse zum Besseren erschien möglich. Weil in der Popkultur als Bezugssystem alles auf alles reagiert, mussten derlei Singer-Songwriter-Sensibilitäten und der parallel dazu grassierende, außer dem eigenen Hedonismus bald nur mehr dem eigenen Hedonismus verpflichtete Dinosaurier-Rockismus mit einer schallenden Ohrfeige durch den trotzigen Nihilismus des Punk abgelöst werden, der auch in Momenten ohne dezidierte politische Botschaft hochpolitisch war, sich aber nicht nur im Umfeld der internationalen Hausbesetzerszene konkretisierte.

Über die 80er Jahre ist somit alles gesagt. Und nach dem Mauerfall wurde mit Techno der bis heute letzte große popmusikalische Einschnitt zum eskapistischen Soundtrack des Aufbruchs in die Freiheit. Für diesen brauchte es keine Worte mehr, nur ein auf ewig laufendes Nts-nts durch die Nacht, durch die zweite Nacht und die dritte...

Das allgemeine Bewusstsein sagt: Kein Song hat die Welt jemals verändert. Vermutlich werden einstige Bemühungen, es "Give peace a chance!"-technisch trotzdem zu versuchen, längst bestimmt genug dem Reich der naiven Kunst zugeordnet, dass Popmusik, abgesehen vielleicht noch am ehesten von der Gender-Thematik, heute überhaupt keinen Kampf mehr führt (oder führen muss/führen kann).

Ausgerechnet dem Song Contest steht somit eine weite Spielwiese offen. Die Bedeutung, das Gewicht und die Botschaft gehen zu Boden. Sie finden sich auf den Brettern - und in den Fangarmen - einer gemeinhin belächelten Unterhaltungsshow im Rampenlicht wieder. Aber bitte: subtil! Nicht dass das bürokratische Regelwerk der europäischen Rundfunksender am Ende dem zarten Pflänzchen angepassten Protestierertums mit der konformistischen Axt den Garaus macht.