"Brücken bauen" wurde als Motto für den Song Contest ausgegeben - wie viel davon nachhaltig weiterwirkt, wird sich weisen. - © apa/Schlager
"Brücken bauen" wurde als Motto für den Song Contest ausgegeben - wie viel davon nachhaltig weiterwirkt, wird sich weisen. - © apa/Schlager

Wien. Erst der Life Ball, jetzt der Song Contest und am 20. Juni die Regenbogenparade - die Wiener Queer-Szene ist in diesen Wochen in der Öffentlichkeit präsenter denn je. Aber auch unterm Jahr hat sich Wien - nicht zuletzt dank homosexuellen Integrationsfiguren wie dem scheinbar omnipräsenten Travestiekünstler Tom Neuwirth alias Conchita Wurst - durchaus zu einer offenen Stadt gemausert, die ihrem Image gerecht wird, meint Kurt Krickler, Generalsekretär der Homosexuellen Initiative (Hosi) Wien, im Interview.

"Wiener Zeitung": Wie geht es Lesben und Schwulen generell in Wien?

Kurt Krickler: Man kann das nicht verallgemeinern. Fortgehen ist sicher kein Problem. Ob man nachts in bestimmten U-Bahnen knutschen sollte, wenn Betrunkene unterwegs sind oder irgendwelche Jugendliche auf Konfrontation aus sind, ist eine andere Frage. Es ist natürlich nicht so, dass sich jeder in Wien aufführen kann, wie er will, und es passiert nichts. Andererseits kann man aber schon Händchen haltend durch die Stadt gehen, und das Schlimmste, was passiert, ist, dass sich jemand umdreht.

Inwieweit spielen die typischen Schwulen-Lokale noch eine Rolle?

Was uns auffällt, ist, dass viele Schwule auch mit heterosexuellen Freunden ausgehen und eigentlich die rein schwulen Lokale nicht wirklich zunehmen, obwohl die Szene größer wird. Man geht dann eher mainstreammäßig weg. No-Go-Areas in Wien gibt es jedenfalls keine mehr. Natürlich kann man zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein. Aber das betrifft zum Beispiel auch Frauen generell, dass es Orte und Zeiten gibt, in denen sie lieber nicht allein unterwegs sein sollten, wenn sie nicht blöd angemacht werden wollen.

Es scheint also, dass Wien seinem Ruf als weltoffene Stadt, der gerade rund um den Life Ball und den Song Contest gepflegt wird, durchaus gerecht wird . . .

Auf jeden Fall. Ich glaube, Wien ist entspannter und nicht so aggressiv wie manche andere Weltstädte. Wahrscheinlich ist es heutzutage in Berlin oder sogar in Amsterdam problematischer, von Osteuropa gar nicht zu reden. Ich glaube nicht, dass die Leute in Wien besonders vorsichtig oder eingeschüchtert sind, sondern da herrscht verbreitet das Motto: Leben und leben lassen. Selbst Paris, Stockholm oder Kopenhagen sind vielleicht sogar nicht so entspannt wie Wien, obwohl die immer wieder als progressive Vorbilder hingestellt werden. Auch wenn eine Verallgemeinerung natürlich schwierig ist. Aber Wien ist auf jeden Fall eine lebenswerte Metropole.

Ist das nur rund um so bunte Veranstaltungen wie Life Ball, Song Contest und Regenbogenparade so oder auch sonst unterm Jahr?

Wahrscheinlich färben solche Ereignisse schon ab, und die Leute wissen auch, dass Wien sich da besonders tolerant gibt. Und gerade beim Life Ball oder bei der Regenbogenparade, mit so vielen aufgetakelten Drag-Queens und sonstigen bunten Paradiesvögeln überall, kämen Homophobe gar nicht mit dem Anstänkern oder Belästigen nach. Das schüchtert sie wahrscheinlich schon auch ein, wenn sie merken, dass sie in der Minderzahl sind. Wie nachhaltig das dann am nächsten Tag ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Und es ist ja nicht so, dass alle Schwulen ständig knutschend durch die Stadt ziehen und provozieren. Das tun auch die Heteros nicht. Und man wird ja als lesbisches oder schwules Pärchen auch nicht zum Beispiel ausgerechnet Skinheads mit einem provokanten Zungenkuss reizen. Die Leute in der Community haben halt schon ein Gespür dafür, was wo geht und was nicht und wie man im Großstadtdschungel überlebt.