Sie können zwar irgendwie schwer miteinander - aber definitiv auch nicht ohne einander: der Eurovision Song Contest (ESC) und das Wertungssystem.

Wenn am Samstag in einer knapp einstündigen Prozedur die teilnehmenden Länder des ESC wieder ihre jeweiligen Punkte verteilen, ist es schwer vorstellbar, wie simpel alles angefangen hat. Im Jahr 1956, in dem der ESC zum ersten Mal in der Schweiz als "Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea" ausgetragen wurde, gab es gar kein öffentliches Voting. Von den sieben teilnehmenden Ländern Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Italien, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden und der Schweiz, wurden jeweils zwei Jurymitglieder entsandt. Diese bewerteten unter Ausschluss der Öffentlichkeit alle vorgetragenen Lieder - auch das eigene - und kürten am Ende den Gewinner. Das Ganze dauerte nur wenige Minuten, Platzierungen gab es keine, die Bewertungsunterlagen der Jury wurden vernichtet. Kalkül oder Zufall? Wie sich später nämlich herausstellte, verzichtete Luxemburg auf eine eigene Jury, ließ stattdessen die Schweizer Kollegen vor Ort wählen. Die Schweiz gewann - der erste Skandal.

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Alles nur Schiebung?

Schon ein Jahr später in Frankfurt war alles anders: Statt sieben waren es nun zehn teilnehmende Länder, statt zwei Jurymitgliedern gab es gleich zehn pro Land, die jeweils einen Punkt an den Favoriten vergeben durften, statt Geheimhaltung geschah jetzt alles öffentlich. Per Telefon wurden die Jurywertungen nach Deutschland übermittelt. Gewonnen haben damals die Niederlande mit immerhin bereits 31 Punkten.

So ging das viele Jahre lang weiter: Man traf sich am Austragungsort, hat - unter immer strengerem Reglement - gesungen und sich gegenseitig bewertet. Erst als 1969 aufgrund der identen Punkteanzahl gleich vier Länder zum Sieger gekürt wurden und deshalb im Jahr darauf wiederum vier Nationen den ESC boykottierten, entschied man sich für weitreichende Änderungen.

Diese erreichten ihren vorläufigen Höhepunkt im Jahr 1975, als das heute als Kult geltende "douze points"-System eingeführt wurde. Ab sofort durften also zwölf Punkte vergeben werden, seit 1980 in aufsteigender Reihenfolge - dem Spannungsbogen zuliebe.

1997 kam dann die bislang größte Innovation mit der Einführung des heute gängigen Televotings. Tatsächlich lag bis dahin die Entscheidung über Sieg oder Niederlage eines Landes fest in Hand der Jury. Den Zuschauern die alleinige Verantwortung zu übertragen, funktionierte aber auch nicht reibungslos. Es musste ein Mittelweg her. Und so sind seit nunmehr fünf Jahren Jurybewertung und Televoting gleichgewichtet. Offizielle Begründung damals: Die Resultate der Ersatzjurys, die im Fall eines technischen Ausfalls zum Einsatz kommen sollten, zeigten immer größere Unterschiede zu den von den Zuschauern vergebenen Punkten.

Die Öffentlichkeit sah sich daraufhin einmal mehr in ihrem Vorwurf bestätigt, die Punktevergabe sei in den vergangenen Jahren zunehmend auf "Blockbildungen", also Ländergruppen, die sich prinzipiell hohe Bewertungen geben, zurückzuführen. Auf die Qualität der Beiträge würde immer weniger Wert gelegt werden.

Eine nicht unberechtigte Kritik. So zeigen Statistiken tatsächlich bestimmte Muster im Abstimmungsverhalten mancher Länder. Interessanterweise aber nicht erst seit der Einführung des Televotings. Auch die theoretisch objektive Jury dürfte ab und zu nicht ganz vorurteilsfrei agiert haben.

Ein gutes Beispiel für Nachbarschaftshilfe bietet die Punktevergabe zwischen Griechenland und Zypern. Zwischen 1975 und 2003 vergab Zypern zwar jeweils sagenhafte 0 Punkte an die Türkei, jedoch durchschnittlich 10,7 Punkte an Griechenland. Die Griechen revanchierten sich dankbar mit immerhin 9,7 Punkten.

Ein ähnliches Bild bieten der skandinavische und der baltische Block. Auch hier werden regelmäßig die Nachbarländer mit den höchsten Punkten bedacht. Und seit sich der Wettbewerb im Jahr 2004 für weitere Länder aus dem Osten öffnete, sind diese offenkundigen Bündnisse noch stärker zu spüren. Dass man aber auch trotz geographischer Nähe und kultureller Ähnlichkeiten wenig bis gar keine Freundschaftspunkte vergibt, zeigt zum Beispiel die Beziehung zwischen Österreich und Deutschland. In all den Jahren gab es jeweils nur einmal die höchste Punktezahl. 2011 wurden diese aus Deutschland an Nadine Beiler vergeben, während Österreich Stefan Raabs "Wadde hadde dudde da?" im Jahr 2000 mit zwölf Punkten würdigte.

Es ist anzunehmen, dass das derzeitige Wertungssystem auch in seiner jetzigen Variante nicht ewig bestehen bleiben wird. Die Diskussionen alleine dem kindischen Gedanken: "Ich mag dich nicht, also bekommst du auch keine Punkte" zuzuschreiben wäre jedoch falsch. Viele verschiedene Faktoren, die teilweise bedeutsame geschichtliche Hintergründe bergen, spielen bei der Punktevergabe ebenso eine Rolle, wie das aktuelle Weltgeschehen. Das war schon immer so. Dadurch wurde der Song Contest zu dem, was er heute ist. Es macht das Gewinnen als "Einzelkämpfer" allerdings auch immens schwierig. Aber eben nicht unmöglich.