Wenn man nach dem Helene-Fischer-Quotienten geht, also der größtmöglichen Drangsalierung im Ohrwurmbereich, dann gibt es bereits eine unbestrittene Siegerin des heurigen Song Contests: Die stattliche Serbin Bojana Stamenov hat sich mit ihrem Beitrag "Beauty never lies" unerbittlich langfristig in Gehörgänge gefräst.

Ihre Nummer orientiert sich inhaltlich am Toleranz-Appellcharakter der Vorjahressiegerin Conchita Wurst (nur in eine etwas andere Richtung, die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" titelte dazu knapp: "Ist dick das neue schwul?"). Sie beginnt wie eine harmlose Ballade, wie sie die Eurovision zu Tausenden gehört hat. Doch der Schein trügt: Kaum wiegt man sich in dösender Sicherheit, wird die Eurotrash-Dance-Artillerie aufgefahren, Takte, die die meisten tief in ihrer 90er-Jahre-Dancefloor-Faschingskiste vergraben haben. Das Konzept funktionierte beim Semifinale live: Die Halle "zuckte aus", wie man prägnant im "Wiener Zeitung"-Liveblog lesen konnte.

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Gülden-geflügeltes Petzner-Gedächtnis-Schuhwerk

Der wirkliche Favorit ist aber laut allerlei Experten, laut Wettquoten und laut Google-Anfragen-Statistik ein anderer: Der Schwede Måns Zelmerlöw. Sein Lied "Heroes" ist eine muntere Country-Techno-Mischung, punktet aber vor allem mit der Bühnenshow: Die "Dämonen", von denen der Schwede singt, sind nämlich irgendwie recht putzige Strichmännchen mit Schirmkappe und Faible für schräge Tanzeinlagen. Der Wiedererkennungseffekt ist da natürlich enorm im kleiderflatternden Stehsänger-Einerlei. So gesehen hätte auch der Israeli Nadav Guedj Chancen. Wenn auch keine besonders guten: Er ist bei den Wettquoten mittlerweile aus den Top Ten geflogen, sorgt mit "Goldenboy" aber immerhin für Partystimmung: Dem heuer auffallenden Trend der ruhigen Einleitung folgt bei ihm eine Art orientalische R’n’B-Tanznummer mit gülden-geflügelten Stefan-Petzner-Gedächtnis-Sneakers und zackigen Pyrotechnikeinsätzen.

Ein Land, das es nun schon länger nicht mehr in die Favoritenrolle geschafft hatte, behauptet sich schon seit einigen Wochen an der Spitze der Wettquoten: Italien. Das mag daran liegen, dass man sich entschieden hat, diesmal richtig bekannte Künstler zu schicken. Also, wenn man sich für das Musik-Untergenre "Opernpop" interessiert. Die drei Herren von Il Volo waren immerhin schon in den US-Charts vertreten. Mit der Startnummer 27, also als Letzte, werden sie das heurige Line-up (Reihenfolge siehe Leiste unten) mit einem arienhaften Kitsch-Crescendo beenden, wie es eines Wettbewerbs der hypertrophen Geste würdig ist.

Als Letzter anzutreten hat bekanntlich auch den Vorteil, am besten in Erinnerung zu bleiben (aber gut, wenn einmal der serbische Beitrag gelaufen ist, ist das musikalische Gedächtnis ohnehin für Tage belegt). Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass diejenigen, die am längsten als Favoriten gelten, dann oft doch nicht das Rennen machen. Conchita Wurst zum Beispiel erklomm im Vorjahr erst kurz vor dem Finale die Top-Position bei den Buchmachern.

Das würde nun wieder für Russland sprechen, das ein nach alten Song-Contest-Regeln perfektes Lied schickt: "A Million Voices" ist eine überemotionale Drama-Ballade, gesungen von einer ansehnlichen Blondine (Polina Gagarina) mit fewaweißer Leuchtrobe. Das Lied ließe sich tadellos für eine Strumpfwerbung einsetzen - weite Teile des Zielpublikums sind hier deckungsgleich, also beste Gewinnchancen. Allerdings kämpft Russland mit einem Handicap: Obwohl der Song versöhnlich rüberkommt, werden viele Stimmberechtigte der LGBT (Lesbian/Gay/Bi/Transgender)-Community nicht darüber hinwegsehen, dass Russland gerade sie, im Falle eines Sieges, im nächsten Jahr nicht mit den offensten Armen empfangen wird. Unwahrscheinlich, dass im Putin-Land schwule Ampelpärchen aufleuchten. Könnte also knapp werden für Polina Gagarina.

Auch Sensationen können passieren

Tatsächlich werden auch einer besonderen Sensation Chancen eingeräumt: nämlich der, dass Australien gewinnen könnte. Dabei ist es ja schon eine Sensation, dass Australien überhaupt teilnehmen kann. Der Abgesandte aus Down Under ist, wie der Großteil der Contestanten heutzutage, schon Castingshow-erprobt. Guy Sebastians flotte Nummer ist ähnlich wie die israelische gepflegt tanzbar, klingt nur um Welten professioneller produziert, nämlich im Fahrwasser einer freilich auch nicht mehr ganz taufrischen Mark-Ronson-Verswingung. Das werden sicher einige sehr sympathisch finden, aber dass die Eurovisionswähler Australien zum Sieger küren, wird wohl kaum passieren. Falls doch, müssen sich eingefleischte Fans aber nicht auf Reisen um die halbe Welt einstellen: Die Veranstaltung wird jedenfalls wieder in Europa ausgetragen.

Außer natürlich Aserbaidschan gewinnt wieder. Das Land schickt Elnur Huseynov, der eine Seufzer-Ballade singt, mit Begleittänzern, die vielleicht seinen Namen tanzen. Zugegeben, es ist ein komplizierter Name.