Paris. Man hatte bisher nicht mit ihnen gerechnet in diesem französischen Wahlkampf, sie ja auch kaum in den Medien gehört: Die sechs "kleinen" Kandidaten, deren Umfragewerte um fünf Prozent oder darunter dümpeln, die aber die nötigen 500 Unterschriften von Abgeordneten oder Bürgermeistern erhielten, um bei den Wahlen am 23. April und 7. Mai anzutreten. Am Dienstagabend bekamen sie in einem vierstündigen TV-Debatten-Marathon ebenso viel Redezeit wie die fünf "großen" Bewerber. Und forderten diese mitunter scharf heraus, weil sie auch die Skandale ansprachen, die bisher die Wahlkampagne dominierten.

Besonders provokant gab sich der Trotzkist Philippe Poutou, der ein Familienfoto mit den zehn Rivalen verweigerte und die Moderatorinnen anging, sie sollten ihn ausreden lassen, auch wenn er keine Krawatte trage. "François Fillon: Je tiefer man wühlt, desto mehr riecht es nach Korruption und Betrug. Diese Leute erklären uns, dass man sparen muss, während sie selbst in die Kassen greifen", schleuderte er dem republikanischen Kandidaten entgegen, der wegen des Betrugsverdachts bei der Bezahlung seiner Frau und Kinder als parlamentarische Mitarbeiter im Visier der Justiz ist.

Nichtsdestotrotz bemühte sich Fillon um eine staatsmännische Haltung: Er wolle ein "vorbildlicher Präsident" sein - nämlich "ein Präsident, der den Franzosen die Wahrheit sagt" und zu einem Sparkurs stehe.

Wahlkampf mit Euro-Skepsis

Auch Marine Le Pen bekam ihr Fett weg: "Der Front National nennt sich Anti-System, aber schützt sich dank der Gesetze des Systems mit seiner parlamentarischen Immunität", spielte Antikapitalist Poutou auf Le Pens Verweigerung einer Zeugenaussage in den Ermittlungen wegen Verdachts auf Betrug von EU-Geldern an. "Wenn wir vorgeladen werden, dann kommen wir auch - wir haben nämlich keine Arbeiter-Immunität!"

Fern von jeder Siegeschance versuchten die Vertreter kleiner Parteien, zumindest ihre Stimme in der Debatte um Frankreichs Zukunft hörbar zu machen - gerade auch zum Thema Europa, das bei den meisten Kandidaten Skepsis hervorruft. Neben dem Frexit-Befürworter François Asselineau und dem Souveränisten Nicolas Dupont-Aignan, der seinem konservativen Konkurrenten Fillon vorwarf, er hole sich "Anleitungen bei Angela Merkel", erschien Marine Le Pen sogar gemäßigt: Sie schlägt vor, das Volk per Referendum über einen EU-Ausstieg abstimmen zu lassen.

Sozialist Benoit Hamon verteidigte Europa, wenn es gelinge, die "Austerität", den Sparkurs, aufzugeben; Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, der Hamon in Umfragen überflügelt, erklärte wiederum, er stelle "die europäische Idee" nicht infrage, wohl aber die Verträge, weil "dieser Rahmen die Entwicklung verhindert". "Die Deutschen sind nicht unsere Feinde, sondern unsere Partner", versicherte der 65-Jährige, der Berlin in der Vergangenheit oft anging.

Einsamer Pro-Europäer: Emmanuel Macron

Als überzeugter Pro-Europäer verteidigte lediglich der 39-jährige Macron die europäische Vertiefung und den Schulterschluss mit Deutschland; vor einigen Wochen reiste er, ebenso wie vorher Fillon und nach ihm Hamon, nach Berlin, um unter anderem Kanzlerin Angela Merkel zu treffen.

Der Ex-Wirtschaftsminister, den Umfragen in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Le Pen sehen, kritisierte deren Forderung nach einem Ausstieg aus dem Euro: "Was Sie vorschlagen, führt zum Sinken der Kaufkraft, zur Zerstörung von Arbeitsplätzen und zum Wirtschaftskrieg. Sie wollen Nationalismus und Nationalismus ist Krieg", rief er. Le Pen verbreite "Lügen, die man seit 40 Jahren hört, die man schon aus dem Mund ihres Vaters hörte".