Die Gesichter der gespaltenen Linken: Macron, Melenchon und Hamon (v.l.n.r.) buhlen alle um dieselbe Wählerschaft. - © afp/Saget, Perimont
Die Gesichter der gespaltenen Linken: Macron, Melenchon und Hamon (v.l.n.r.) buhlen alle um dieselbe Wählerschaft. - © afp/Saget, Perimont

"Wiener Zeitung": Frankreichs Sozialistische Partei (PS) steckt in der Krise. Woran liegt das?

Frederic Sawicki: Die Sozialisten haben ein Identitätsproblem. Es gelingt ihnen nicht, den Wählern zu vermitteln, für welche Interessen und Projekte sie langfristig stehen. Dabei müssten sie gerade jetzt glaubwürdig auftreten und zeigen, dass sie eine Alternative zum Neoliberalismus und dem in Europa erstarkenden Nationalismus bieten können. Also eine neue solidarische, pro-europäische und ökologische Politik, eine Sozialdemokratie des 21. Jahrhunderts. Angesichts populistischer Anführer wie Marine Le Pen oder Donald Trump ist das natürlich nicht einfach. Vor dieser Schwierigkeit stehen alle sozialdemokratischen Parteien in Europa.

Benoit Hamon, der sozialistische Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen, liegt laut Umfragen derzeit nur an fünfter Stelle...

Benoit Hamon befindet sich in einer verzwickten Lage. Die Franzosen sind von François Hollandes Amtszeit enttäuscht. Sie werfen den Sozialisten vor, ihre Wahlversprechen gebrochen zu haben, und wollen nicht erneut für einen Kandidaten dieser Partei stimmen. Hamon muss die Franzosen innerhalb kurzer Zeit davon überzeugen, dass er für einen Wechsel und nicht für ein Weiterführen von Hollandes Kurs steht. Zugleich darf er die Mehrheit innerhalb seiner eigenen Partei nicht verlieren.

Tatsächlich unterstützen einige Sozialsten, darunter auch Ex-Premierminister Manuel Valls, nicht ihren Parteikollegen, sondern den Favoriten Emmanuel Macron. Warum ist die Sozialistische Partei dermaßen zersplittert?

Die Sozialistische Partei ist seit ihrer Gründung 1905 in mehrere Lager geteilt. Neu ist allerdings, dass sich die Sozialisten selbst darin uneins sind, welchen Kandidaten sie bei den Präsidentschaftswahlen unterstützen. Hamon vertritt einen radikal linken Kurs, mit dem viele seiner Parteikollegen nicht einverstanden sind. Einige Minister und Abgeordnete hoffen auch darauf, ihr Amt behalten zu können, wenn sie Macron den Rücken stärken. Sie verlassen das sinkende Schiff.

Der derzeitige Favorit Macron war, genau wie Benoit Hamon, Minister unter Hollande. Warum kommt er so viel besser an als der sozialistische Kandidat?