"Wiener Zeitung": Sollte Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen in die Stichwahl kommen, würde sie laut Umfragen verlieren. Sie sind da anderer Meinung . . .

Serge Galam: Die Umfragen zeichnen ein Bild der derzeitigen Meinung der Franzosen, können aber nicht voraussagen, wie sich diese Meinung entwickeln wird. Als Soziophysiker untersuche ich, inwiefern sich diese Meinung durch Interaktionen zwischen dne Menschen ändert. Dabei komme ich, wie die Umfragen, zu dem Ergebnis, dass die Wahlabsicht für Le Pen in der Stichwahl bei unter 50 Prozent liegen wird. Aber ich komme auch zu dem Schluss, dass sie dennoch gewinnen könnte.

Wie ist das möglich?

Der Kontext des aktuellen Wahlkampfes ist sehr speziell. Wir finden uns in einer Situation wieder, in der viele Wähler um jeden Preis einen Sieg des Front National verhindern wollen und daher sagen: "Sollte Le Pen in die Stichwahl kommen, dann bekommt ihr Gegenkandidat meine Stimme, egal, wer das ist." Aber zugleich können sich viele Wähler auch mit den möglichen Herausforderern Le Pens nicht anfreunden, egal ob es sich dabei um Emmanuel Macron, François Fillon oder Jean-Luc Mélenchon handeln wird.

Woran liegt das?

Fillon ist durch die Skandale rund um seine Person für viele Franzosen unwählbar geworden. Macron wird von vielen mit der Regierung Hollandes und dem Kapitalismus in Verbindung gebracht und stößt deshalb auf Ablehnung. Mélenchon dürfte vielen rechten und gemäßigt linken Wählern zu sehr am linken Rand stehen. Für jeden möglichen Gegner Le Pens muss ein Teil der Wähler, die ihren Sieg verhindern wollen, einen hohen politischen Preis zahlen. Diese Wähler werden vor einem ethischen Dilemma stehen, wie es es in den Wahlen zuvor nicht gab.

Und diesen Preis sind die Wähler nicht bereit zu zahlen?

Sie sagen, sie sind es, denn ihre Ablehnung gegenüber Le Pen ist stärker. Also sagen sie sich: "Ich werde mich zwingen, für ihren Gegner zu stimmen." Doch da sie diesen auch nicht wollen, ist meine Hypothese, und damit begebe ich mich auf das Gebiet der Individualpsychologie, dass ein Teil dieser Leute am Wahltag trotz besserer Absicht nicht wählen wird. Sie werden sich zwar nicht eingestehen, dass sie nicht wählen wollen, aber jeden Vorwand nutzen, um ihren Stimmzettel nicht abzugeben. Und handeln viele Wähler so, könnte das den Ausgang der Wahl beeinflussen.