Viele Nichtwähler könnten Le Pen also zum Sieg verhelfen?

Ja, sie könnten Le Pen den Sieg bringen, wenn sich vor allem jene Wähler enthalten, die angegeben haben, für Le Pens Gegner zu stimmen. Die Wählerschaft von Marine Le Pen ist entschlossen und sehr motiviert. Jene, die angeben, für sie zu stimmen, werden das auch tun. Dieses Ungleichgewicht in der Wahlenthaltung kann Le Pens Sieg möglich machen. Wenn die Wahlabsicht für Le Pen etwa bei 42 Prozent liegt und 90 Prozent diese Absicht wahr machen, dann müssten mehr als 65,17 Prozent jener Wähler, die angeben, für den Gegenkandidaten zu stimmen, das auch wirklich machen, damit dieser gewinnt. Und das ist nicht sicher. Ich sage also nicht, dass Le Pen gewinnen wird. Aber ich sage, die Möglichkeit ist gegeben.

Als 2002 in der Stichwahl um das Präsidentenamt Jean-Marie Le Pen dem Konservativen Jacques Chirac gegenüberstand, mussten doch auch viele Linkswähler in den sauren Apfel beißen, um einen Sieg des Front National zu verhindern. Was war damals anders?

Der Unterschied ist, dass Chirac für die Fortsetzung eines Regierungskurses stand. Die Wähler wussten, was sie von ihm zu erwarten hatten und hatten, selbst wenn sie sich nicht mit seiner Parteilinie identifizierten, keine besondere Abneigung gegen ihn. Das Ergebnis: Chirac gewann mit 82,21 Prozent der Stimmen. Wie auch heute noch schlossen sich die Wähler zusammen, um einen Sieg des rechtsgerichteten Front National zu verhindern. Doch seit 2002 verschiebt sich die gläserne Decke, die der Front National aufgrund dieses Zusammenschlusses der Wähler nicht durchbrechen kann, nach oben. Sie liegt zwar noch bei unter 50 Prozent, ist jedoch hoch genug, um einen Sieg Le Pens möglich zu machen.

Ihre Argumentation erregt auch deshalb viel Aufmerksamkeit, weil Sie entgegen der Meinungsumfragen den Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen vorhergesagt haben. . .

Zu dem Ergebnis bin ich durch mein Modell der Meinungsdynamik gekommen. Dabei untersuche ich, wie sich das Wahlverhalten von Individuen durch Diskussionen in der Gruppe verändert, also wie Personen durch Diskussionen die Meinung ihrer Mitmenschen annehmen. Doch manchmal heben sich die Argumente der Gruppenmitglieder auf. Sie wissen dann nicht mehr, wen sie wählen sollen. Meine Hypothese ist, dass sich die Wähler in diesem Fall unbewusst von Vorurteilen leiten lassen. Im Wahlduell zwischen Trump und Clinton entsetzte Trump durch seine "shocking statements" zwar viele Amerikaner, zugleich gelang es ihm aber, Vorurteile anzusprechen, die in ihnen schlummerten. Das führte dazu, dass diese Wähler im Zweifelsfall für Trump stimmten.

Lässt sich dieses Modell auch auf Frankreich anwenden?

Ja. Und dabei komme ich zu dem Schluss, dass Le Pen die Wahl verliert. Doch dieses Modell berücksichtigt das sehr wahrscheinliche Ungleichgewicht der Nichtwähler noch nicht. Denn das ist ein neues Phänomen. n