Paris/Brüssel. Jean-Claude Juncker redet es schon lange herbei. Die Zuversicht, die Hoffnung und auch der Stolz auf die EU müssen endlich wieder die um sich greifende EU-Verzagtheit ablösen, findet der EU-Kommissionspräsident. Und aus dieser Überzeugung speist sich eine weitere: Marine Le Pen werde nicht die nächste Präsidentin Frankreichs, meinte Juncker schon vor Monaten. Die Befürworter der Gemeinschaft werden sich durchsetzen, Europa sei stärker als die extreme Rechte oder andere Populisten - das betont der Luxemburger immer wieder in Interviews und Auftritten.

Andernfalls würde ein Szenario eintreten, das sich die meisten Politiker, Beamten, Diplomaten und Experten in den EU-Institutionen in Brüssel nicht einmal vorstellen wollen: Rechte Nationalisten übernehmen die Regierungsmacht und treiben die Zerstörung der Europäischen Union voran. Der Front National unter Euro-Gegnerin und EU-Skeptikerin Le Pen würde das wohl gerne vorexerzieren.

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Die Präsidentenwahl in Frankreich ist aus europäischer Sicht aber nicht nur deswegen einer der wichtigsten Urnengänge in diesem Jahr, weil das Votum ein Risiko für die Gemeinschaft birgt. Es ist auch eine Chance. Es könnte ebenso der Beginn einer erneuerten europäischen Freundschaft sein.

Für die EU waren die vergangenen Monate eine Zeit voller Zweifel und Sorgen - und die Jahre zuvor waren auch kaum besser. Auf die Finanz- und Schulden- folgte die Flüchtlingskrise. Nach dem Brexit-Referendum ist die Union nun mit dem Austrittswunsch eines Mitglieds konfrontiert. Die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten lässt viele Fragen nach der Gültigkeit und Form der transatlantischen Partnerschaft offen. Der Umgang mit Russland oder der Türkei ist ebenfalls alles andere als einfach. In den EU-Staaten selbst stieg vor jedem Urnengang die Nervosität der EU-Sympathisanten: Würde in Österreich ein FPÖ-Politiker, in den Niederlanden eine rechtspopulistische Partei gewinnen? Die Anhäufung von Schwierigkeiten, die sich über Jahre ziehende Poly-Krise ließ das Vertrauen vieler Bürger in die EU sinken.

Negative Stimmung dreht
sich langsam

Dennoch scheint sich die Stimmung in der öffentlichen Debatte nun langsam zu ändern. Vielleicht waren die Menschen der vielen Krisen und der häufigen Rede davon müde, vielleicht reifte aber auch die Überzeugung heran, dass die Herausforderungen von innen wie außen gemeinsam besser zu bewältigen sind. Im EU-Schnitt sieht sowieso der größere Teil der Bevölkerung die Mitgliedschaft ihres Landes in der Union positiv. Und EU-Politiker streichen in ihren Auftritten nun ebenfalls mehr und mehr die hellen Seiten der Gemeinschaft hervor. Die Deklarationen, dass die Mitglieder nun wieder enger zusammenrücken müssen, häufen sich.

Ob sie mit Leben erfüllt werden können, hängt aber eben nicht zuletzt vom Ausgang der Wahl in Frankreich ab. Zwar steht in Deutschland, größte Volkswirtschaft in der EU und auch politisch eine der mächtigsten Triebkräfte, im Herbst ebenfalls ein wichtiger Urnengang an. Doch ist der Herausforderer von Bundeskanzlerin Angela Merkel keineswegs ein Europa-Feind. Als EU-Abgeordneter und -Parlamentspräsident hatte Martin Schulz oft genug gegen Kleinstaaterei und nationale Egoismen gewettert.

Damit aber das deutsch-französische Duo, das vor Jahrzehnten schon die Fundamente für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit gelegt hatte, der EU dann den nötigen neuen Schwung verleihen kann, braucht die Regierung in Berlin das entsprechende Pendant in Paris.

Marine Le Pen kann es nicht sein. Immerhin will die Politikerin Frankreich aus der Euro-Zone führen und droht sogar mit einer Volksabstimmung über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes.

Lieblingskandidat abseits
der großen Parteien

Aber auch der Kandidat auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums wäre aus der EU-Perspektive nicht unbedingt bequem: Der Bewerber der Linken, Jean-Luc Melenchon, würde gern zunächst einmal den EU-Stabilitätspakt für mehr Haushaltsdisziplin kündigen und dann generell einen radikalen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik der Union initiieren. Falls sich - vor allem - Deutschland dem widersetzen würde, schließt auch Melenchon ein EU-Referendum nicht aus.

Jedoch sind selbst die Vorstellungen der Kandidaten der großen Fraktionen nicht völlig im Gleichklang mit denen ihrer Parteienfamilien in der EU. Der Konservative François Fillon beispielsweise setzt mehr auf Protektionismus und eine Stärkung der Nationalstaaten, als es so manch anderem Christdemokraten lieb wäre. Im Umgang mit Flüchtlingen und Migration plädiert er für Grenzsicherung und Abschottung.

Der Sozialdemokrat Benoit Hamon wiederum ist ein erklärter Gegner von Freihandelsabkommen, wie sie die EU etwa mit Kanada geschlossen hat. Und seine wiederholte Kritik an der langjährigen Sparpolitik der Europäischen Union nährt Befürchtungen, dass Frankreich notwendige Reformen weiter hinauszögert.

Bleibt noch Emmanuel Macron, der zumindest den EU-Institutionen zum Lieblingskandidaten geworden ist. Der ehemalige Wirtschaftsminister, der seine eigene Bewegung gegründet hatte, fand lobende Worte für Merkels Flüchtlingspolitik, sprach sich für mehr europäische Integration aus und kündigte an, sich an die Vorgaben zur Senkung des Budgetdefizits zu halten. Ob er dafür nach einem Wahlsieg im Parlament in Paris die ausreichende Unterstützung erhält, ist freilich noch unklar.