Paris. Emmanuel Macrons Anhänger warteten nicht noch brav ab, bis es 20 Uhr war. Schon vor der offiziellen Verkündigung des Wahlergebnisses hatte die für sie so frohe Kunde gestern Abend die Runde in der Halle auf dem größten Messegelände von Paris gemacht: Ihrem Kandidaten war als erste Kraft mit knapp 24 Prozent der Stimmen der Sprung in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl gelungen. Er könnte damit sogar bereits unmittelbar vor dem Sieg stehen.

In lautem Jubel brach sich der Enthusiasmus seiner Unterstützer Bahn, Frankreich- und vereinzelte Europa-Flaggen schwenkten in der Luft. Dass diesem Politik-Neuling, der gerade einmal vor einem Jahr, damals noch als Wirtschaftsminister, seine eigene Partei "En Marche!" ("In Bewegung!") gegründet hatte, ein solcher Aufstieg vorbei an den etablierten Parteien gelingt, erschüttert Frankreichs politische Landschaft.

"Das Gesicht der französischen Politik verändert"

"In einem Jahr haben wir das Gesicht der französischen Politik verändert", erklärte Macron am Abend sichtlich berührt. Seine Anhänger forderte er auf, Mut und Optimismus, die sie trugen, zu bewahren: Er wolle nun alle Franzosen zusammenbringen, gegen die Nationalismen, "für unser Land und für Europa".

Der 39-Jährige will für einen Neuanfang stehen, das linke und das rechte Lager im Zentrum zusammenführen. Er hat angekündigt, auch mit Personen aus der Zivilgesellschaft regieren zu wollen, eine "Umwandlung" und Moralisierung bisheriger Praktiken erreichen.

Macron profitierte aber auch von der Schwäche der sozialistischen Partei, die nach fünf Jahren unter Präsident François Hollande zutiefst gespalten war und in Vorwahlen mit Benoît Hamon einen linken Außenseiter gewählt hatte. Mit rund sechs Prozent fuhr er ein äußerst enttäuschendes Ergebnis ein. Gestern Abend äußerte sich Hamon als erster aller Bewerber mit einer klaren Ansage: "Ich rufe zur Wahl von Emmanuel Macron auf, um den Front National zu schlagen." Zahlreiche Politiker verschiedenster Lager sollten folgen und Macron eine wichtige Unterstützer-Basis für die nächsten zwei Wochen bereiten.

Niederlage für den Volkstribun

Viele Prozentpunkte verlor der Sozialist Hamon an den Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon. Der 65-Jährige riss mit seinen Forderungen nach einer radikalen Umverteilung von Wohlstand und einem Abschied Frankreichs aus der EU und der Nato zwar viele Franzosen mit. Dass er auch verantwortungsbewusst regieren kann, trauten sie dem wortgewaltigen Volkstribun aber dann doch nicht zu.