Während der vierte Platz für Mélenchon knapp hinter dem Republikaner François Fillon ein Erfolg ist, wirkte Marine Le Pens Strahlen gestern Abend erzwungen. Im nordfranzösischen Städtchen Hénin-Beaumont, einer Hochburg des Front National und fernab von Paris als Hauptstadt der verhassten Eliten, jubelten ihre Anhänger etwas verhalten. Lange war Le Pen in Umfragen der erste Platz vorausgesagt worden – der zweite Rang hinter Macron mit nur knapp 22 Prozent der Stimmen ist eine Enttäuschung, die sie sich nicht anmerken lassen wollte: "Dieses Resultat ist historisch", erklärte die Rechtspopulistin in gewohnt kämpferischem Ton und versprach, "das französische Volk von den arroganten Eliten zu befreien".

Front National so stark wie nie

Tatsächlich war der Front National nie so stark. Le Pen übertrifft ihr eigenes Ergebnis der Wahl 2012 deutlich, als sie noch an dritter Position landete. Auch die 48-Jährige ihren Vater Jean-Marie Le Pen, der 2002 überraschend mit knapp 18 Prozent der Stimmen die zweite Runde der Präsidentschaftswahl erreichte. Er profitierte damals von der Zerstrittenheit und dem Vertrauensverlust der großen Volksparteien – wie nun seine Tochter.

Besonders bitter bekamen diese Entwicklung die Republikaner zu spüren. Bei François Fillon wollte man gestern zwar bis zuletzt mit aller Macht daran glauben, dass ein Sieg noch möglich war – so wie er die innerparteiliche Kandidatenkür überraschend für sich entschieden hatte. Der konservative Bewerber hatte ein Kongress-Zentrum im schicken 16. Arrondissement von Paris angemietet für einen großen Feier-Abend mit Anhängern – die dann ausfiel. Stattdessen waren die Gesichter lang. Offensichtlich hatten die Vorwürfe wegen Scheinbeschäftigung seiner Frau und Kinder Fillons Image doch zu nachhaltig geschadet. "Diese Niederlage ist die meinige, ich übernehme die volle Verantwortung", erklärte er in einer kurzen Ansprache, um anzufügen, eines Tages werde noch die "Wahrheit dieser Wahl geschrieben". Er rief zur Wahl Macrons auf, um Le Pen zu verhindern, ebenso wie die Mehrheit seiner Parteifreunde. Ein neuer Wahlkampf begann Sonntagabend, der mit der Stichwahl am 7. Mai endet.