Am Sonntag, den 7. Mai wählen die Franzosen ihr neues Staatsoberhaupt. Das Stichwahl-Duell findet zwischen der rechtsextremen Marine Le Pen - sie hat den Vorsitz des Front National kurzfristig zurückgelegt, um für mehr Franzosen wählbar zu sein - und dem sozialliberalen Senkrechtstarter Emmanuel Macron statt. Hier einige zentrale Fragen und Antworten zu einem Votum, dessen Resultat in ganz Europa mit Spannung erwartet wird.

Ist Emmanuel Macron der Sieg noch zu nehmen?

Umfragen sehen den parteilosen Kandidaten bei etwas unter 60, Le Pen bei über 40 Prozent. Experten sind der Ansicht, dass das Endergebnis knapper ausfallen wird. Viele linke Wähler dürften in der Stichwahl nicht zur Urne gehen. Dazu kommt, dass etliche konservative Wähler, die in der ersten Runde für François Fillon gestimmt haben, in der Stichwahl Le Pen wählen. Hier geht man von etwa einem Drittel aus.

Was müsste geschehen, damit Marine Le Pen doch noch in den Élysée einzieht?

Die Prognosen und zahllosen Medienberichte, die Macron fix als Gewinner sehen, könnten dazu führen, dass viele Macron-Sympatisanten nicht zu den Urnen gehen. Er hat zudem als politischer Novize mit seiner Bewegung En Marche! keine Stammwähler, auf die er sich verlassen kann. Marine Le Pens Anhänger sind entschlossener. Möglich ist auch, dass dem jungen Liberalen in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl ein schwerer Fehler passiert. Jetzt schon vermissen viele bei dem 39-Jährigen die präsidentielle Würde. Zuletzt sorgte aber eine Blamage Le Pens für Aufsehen, die ihren interimistischen Front-National-Parteiführer schon nach wenigen Tagen wegen Verdachts auf Wiederbetätigung austauschen musste.

Zuletzt lagen die Meinungsforscher immer falsch. In Frankreich haben die Vorhersagen gestimmt. Warum?

Die Meinungsforscher haben die Brexit-Schlappe zum Teil damit begründet, dass eine Zahlenbasis fehlte, auf die man hätte zurückgreifen können. Auch hätten die Meinungsforscher die jüngsten Revolutionen im Kommunikationsbereich zu wenig beachtet - beziehungsweise sei das Instrumetarium, das den Demoskopen zur Verfügung steht, den neuen Gegebenheiten nicht angemessen. Dazu kommt, dass der Wähler immer öfter spontan entscheidet und die "Haltbarkeit" von Umfragen drastisch abgenommen hat. All das trifft auch auf Frankreich zu, dazu kommt, dass Macron mit seiner neu gegründeten Bewegung En Marche! die alte Parteienlandschaft gehörig durcheinandergewirbelt hat - was Vorhersagen nicht leichter macht. Mit Schrecken erinnern sich die Demoskopen an das Jahr 2002, als der Einzug Jean-Marie Le Pens in die Stichwahl in den Umfragen überhaupt nicht vorhergesehen wurde. Die Meinungsforscher haben in Frankreich beim ersten Wahlgang aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und die Unsicherheitsfaktoren richtig gewichtet. Und das Glück des Tüchtigen spielte eine große Rolle.

Was würde Macron als Präsident politisch ändern?

Er hat versprochen, den Reformstau der Ära Hollande zu beenden und die schwache Konjunktur anzuschieben. Macron will 120.000 Stellen im öffentlichen Dienst streichen und in fünf Jahren 60 Milliarden Euro einsparen. Auch will er den in Frankreich sehr umfassenden Kündigungsschutz lockern. Die Frage ist, ob das Parlament, das im Juni gewählt wird, das zulässt. Wichtig ist vor allem, dass der europäische Gedanke mit Macron einen gewichtigen Verfechter hätte.

Könnte Marine Le Pen - sollte sie die Stichwahl gewinnen - Frankreich so einfach aus der EU führen?

Die rechte Politikerin will ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft abhalten und Frankreich aus dem Euro führen. Doch auch sie wäre auf Unterstützung des Parlaments angewiesen, die sie im nötigen Umfang kaum bekommen dürfte. Außerdem befürworten nur rund 35 Prozent der Bürger einen definitiven EU-Austritt.

Wie wird die politische Landschaft Frankreichs nach der Wahl aussehen?

Zu beobachten ist eine klare Polarisierung, Frankreich ist in zwei Lager gespalten. Die Rechtsradikalen um Marine Le Pen sind keine Splittergruppe mehr wie noch 2002. Die 48-Jährige hat enorme Unterstützung in den verarmten früheren Industrieregionen des Nordens und im strukturschwachen Süden. Im Westen und in den Städten regiert Macron.