Paris. Man kannte Marine Le Pen schon als aggressive Wahlkämpferin, die ihre Gegner mit Häme und Verachtung zu überziehen pflegt und ein ähnliches Verhältnis zur Wahrheit hat wie US-Präsident Donald Trump - den sie bewundert. Doch was sich am Mittwochabend vor 16,5 Millionen Fernsehzuschauern abspielte, zeigte, in welche Untiefen das Niveau der politischen Diskussion in Frankreich gesunken ist. Das TV-Duell zwischen Le Pen und ihrem Rivalen bei der französischen Präsidentschaftswahl, Emmanuel Macron, geriet zu einem chaotischen Austausch von Gehässigkeiten, der keinen Vergleich von Programmen zuließ.

"Ihre Argumente sind doppelt so alt wie Sie", griff die Rechtspopulistin Macron persönlich an, den sie wahlweise als "Schätzchen des Systems und der Eliten", "eiskalten Geschäftsbanker" und "Kandidaten der ungezügelten Globalisierung", der sich Deutschland unterwerfe, bezeichnete. "Frankreich wird so oder so von einer Frau gelenkt werden: von mir oder Frau Merkel", so Le Pen.

"Dummheiten, Lügen"

Zudem deutete sie an, Macron könnte ein "Offshore-Konto auf den Bahamas", ein heimliches Auslandskonto, besitzen. Macron ließ sich das nicht gefallen - und erstattete am Donnerstag Strafanzeige. Die Anzeige gegen Unbekannt lautet unter anderem auf "Fälschung" und "Verbreitung einer Falschnachricht". Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete umgehend Vorermittlungen ein.

Nach Angaben aus Macrons Umfeld war diese "Fake News" zunächst von einem anonymen Nutzer im Onlineforum "4chan" gepostet worden und machte dann in den sozialen Netzwerken die Runde. Verbreitet wurden die Angaben demnach auch von Anhängern von US-Präsident Trump und von Nutzerkonten mit Verbindungen zu den russischen Medien Sputnik und RT. Demnach zirkulieren Dokumente mit einer gefälschten Unterschrift Macrons.

Dieser warf Le Pen am Donnerstag vor, "Lügen" und "Fake News" zu verbreiten, die von Internetseiten mit teilweise "russischen Interessen" stammten. Die französische Regierung hatte immer wieder vor einer russischen Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich gewarnt, unter anderem durch Hackerangriffe und die Verbreitung von Falschinformationen.

In der TV-Debatte war es Macron zumeist gelungen, schlagfertig zu antworten. Mitunter ließ er sich aber auch provozieren. Wortreich ging er auf Le Pens Angriffe ein, anstatt gelassen über ihren pauschalen Anschuldigungen zu stehen. Sie gebe permanent "Dummheiten" und "Lügen" von sich, klagte er, spiele "auf abstoßende Weise" mit den Ängsten und der Wut der Menschen, stehe für Spaltung statt Einheit: "Madame Le Pen, Frankreich verdient Besseres."

"Ein wenig beschmutzt"

Die beiden Journalisten, die die Debatte eigentlich moderieren sollten, zeigten sich völlig überfordert. Weder bremsten sie Le Pen, wenn sie Macron mit Zwischenrufen, Grimassen und boshaftem Gelächter aus der Fassung zu bringen versuchte, noch konnten sie Macrons Wortschwall stoppen.

Der unabhängige Kandidat versuchte, sachlich seine Pläne von der Förderung von Schülern in sozialen Brennpunkten bis zum Umbau der Arbeitslosenversicherung zu erläutern. Le Pen hingegen vermochte ihre widersprüchlichen Aussagen über den Zeitplan für einen möglichen Ausstieg aus der Euro-Zone und eine Rückkehr zur Pension mit 60 im Falle ihrer Wahl nicht zu erklären.

Indem sie stets ihren Gegner frontal angriff, auch wenn sie zu ihrem eigenen Programm befragt wurde, schien sich die 48-Jährige bereits in der Opposition einzurichten. Sie zielte darauf ab, Macron, dem in der Stichwahl am Sonntag ein Sieg mit rund 60 Prozent der Stimmen vorausgesagt wird, maximal zu schaden. Etwa zwei Drittel der Zuschauer hielten ihn am Ende der Debatte zwar für den überzeugenderen Kandidaten. Aber statt eines klaren Sieges für einen der beiden, so schreibt die Zeitung "Le Monde", bleibe der Zuschauer "wie belämmert und mit bitterem Nachgeschmack in der Kehle" zurück.

Man müsse mit dem Front National debattieren, "auch wenn man sich ein wenig beschmutzt", sagte Macron danach.