Rennes. "Bonjour, wir sind von "En Marche" - der Partei von Emmanuel Macron - und gekommen, um Ihnen ein paar Informationen zu geben." Der Mann im violetten Fußballtrikot auf der anderen Seite des Türrahmens schaut leicht skeptisch, aber Remy fährt dennoch fort: "Werden Sie am Sonntag denn zur Wahl gehen?"

"Ja, aber ich weiß noch nicht, wen ich wählen werde. Die Politiker sind doch alle gleich", antwortet der etwa Dreißigjährige. Hier setzt Fabienne ein: "Sie sind alle Lügner, nicht wahr? Das habe ich auch gedacht, aber Emmanuel Macron hat mich überzeugt. Er will sich wirklich für alle einsetzen, auch für die kleinen Leute."

Es ist Mittwochabend, zwei Tage vor dem offiziellen Ende des französischen Präsidentschaftswahlkampfs am Freitag um Mitternacht, und Remy und Fabienne kämpfen im Kennedy-Viertel gerade um jede Stimme. Der Stadtteil am westlichen Rand von Rennes gehört zu jenen, die die Franzosen gerne "quartiers" nennen: Dominiert von grauen Wohntürmen und tristen Betonflächen wohnen hier vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen und meist mit ausländischen Wurzeln. Rennes ist eine stark sozialdemokratisch und links orientierte Stadt, gerade einmal sechs Prozent stimmten im ersten Wahlgang für die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen von Front National. Doch wer ihre Wähler finden will, ist im Kennedy-Viertel an einer guten Adresse.

Deshalb machen Remy und Fabienne an diesem Abend etwas für französische Verhältnisse eigentlich Ungewöhnliches: "Porte-à-porte"- oder auf Amerikanisch "Door-to-door"-Kampagne. An die Türen Fremder zu klopfen, um sie vom eigenen Kandidaten zu überzeugen, ist für Franzosen ebenso unüblich wie für Österreicher. Traditionell besteht der Wahlkampf hier darin, Flugzettel auszuteilen und die Stadt mit Plakaten vollzukleben.

Überzeugen in zwei Minuten

"Die Methoden des US-amerikanischen Wahlkampfs in Frankreich anzuwenden, war schon ein riesiger Kulturwechsel", sagt Lex Paulson. Er ist Amerikaner, Demokrat und der Mann, der Macrons Kampagne um das klassisch amerikanische "Door-to-door" erweitert hat. Mehr als 35 Wahlkämpfe hat er schon miterlebt, darunter jenen Barack Obamas 2008 als Vize-Wahlkampfleiter für Connecticut.

"Zum ersten Mal habe ich im Jänner eine vollständige Rede Macrons gehört. Damals sprach er in Lyon, und ich habe seinen Auftritt gemeinsam mit Freunden in einer Bar im zweiten Pariser Arrondissement verfolgt", erzählt Paulson. "Und ich habe exakt dasselbe Gefühl gehabt wie 2004 als ich Obama zum ersten Mal bei der demokratischen Convention reden hörte: Da war jemand, der zwar die schwierige Realität der Politik sah, aber gleichzeitig versuchte, mit Hilfe von philosophischen Ideen, Geschichte und persönlicher Reflexion über sie hinauszuwachsen."

Seither tourt Paulson, der auf der französischen Eliteuniversität Sciences Po unterrichtet und für eine tschechische Politberatungsfirma arbeitet, unermüdlich und ehrenamtlich durch das Land, um Macrons Anhängern das so unübliche "Porte-à-porte" beizubringen. "Meine Aufgabe war es, einen idealen Konversationsverlauf zu finden, mit dem man einen Wähler binnen zwei Minuten davon überzeugen kann, den eigenen Kandidaten zu wählen."

Reden statt Zettel verteilen

Trotz aller kultureller Differenzen sei es "überraschend einfach" gewesen, den Mitgliedern von "En Marche" die neue Wahlkampfstrategie näher zu bringen, sagt der US-Demokrat. "Ich denke, das liegt daran, dass 70 Prozent der rund 250.000 Anhänger Macrons noch nie zuvor in der Politik aktiv waren. Sie wollen konkretes Training, sie wollen von den Beispielen aus dem US-Wahlkampf lernen." Zudem habe er immer wieder auf die Studien des Yale-Professors Donald Green verwiesen, eine Koryphäe der US-Wahlkampfforschung: "Der hat gezeigt, dass es 189 E-mails braucht, um eine Stimme zu gewinnen, aber nur 35 Telefonanrufe oder 15 Türen. "Porte-à-porte" ist also zehn Mal effizienter."

Tractage - so nennen Franzosen das Verteilen von Flyern bei U-Bahnausgängen oder an anderen belebten Orten. "Tractage mag ich nicht so gerne. Ich spreche lieber mit Leuten; echte Konversation anstatt wie ein Roboter Zettel auszuteilen", sagt auch Fabienne, bevor sie an die nächste Tür klopft. Ein etwa fünfzigjähriger Mann in einem schwarzen, bodenlangen Gewand öffnet ihr. "Ich wähle Fillon", antwortet er, während er seine Gebetskette aus braunen Perlen durch die Finger gleiten lässt. Fabienne und Remy erklären, dass lediglich Macron und Le Pen in der Stichwahl stehen. "Na dann Le Pen - die ist gut, ich habe ein Foto mit ihr, sie wird Frankreich verändern", stellt der Mann fest.

Während sich Fabienne ein sarkastisches "Ja, sie wird Frankreich verändern, das ist sicher" nicht verkneifen kann, lenkt Remy das Gespräch auf eine andere Ebene. "Sind Sie aus Mali?", fragt er. "Auch ich bin Afrikaner, ich bin in Burkina Faso geboren und habe in Mali gelebt, in Bamako, später in Nigeria. Meine Freunde sagen, ich bin außen weiß, aber innen schwarz." Dann erklärt Remy, wie Macron Afrika zu einer außenpolitischen Priorität machen will, während der von Le Pen propagierte EU-Austritt Frankreichs auch ein Ende der französischen Unterstützung für Afrika bedeuten würde.