Es ist die erste gewonnene Stimme an diesem Abend. Aber das Gespräch hat 15 Minuten gedauert, viel länger als es eigentlich sollte.

Nur mit Unentschlossenen

"Keine Diskussionen. Wenn jemand bereits von Macron überzeugt ist, bedankt euch und erinnert ihn daran, wie wichtig es ist zur Wahl zu gehen - 30 Sekunden, nicht mehr!", bläut Lex Paulson den Freiwilligen von "En Marche" stets ein. "Wenn jemand für Le Pen stimmen will, sagt, dass ihr seine Entscheidung respektiert und verabschiedet euch freundlich. Lasst euch nur mit Unentschlossenen auf ein Gespräch ein, aber auch dann nicht mehr als zwei Minuten. Wir haben keine Zeit zu verlieren." So klar Paulsons Anweisungen in der Theorie sind, so schwierig sind sie in der Praxis manchmal umzusetzen. "Was hätte ich denn tun sollen?", fragt Remy: "Irgendwie musste ich doch einen Zugang finden."

Ein paar Türen und zwei Stockwerke später öffnet eine junge Frau. Nein, sie werde nicht zur Wahl gehen, sagt sie. "Und ich glaube, mein Mann auch nicht. Chéri, kommst du mal?" Ihr Mann erscheint mit der kleinen Tochter auf dem Arm, ein weiteres Mädchen versteckt sich etwas schüchtern hinter dem Türrahmen. "Ich wähle Le Pen, das ist klar", betont er. Fabienne erzählt, dass auch ihre Kinder Freunde im Viertel haben, ihr Sohn wegen Cannabis-Besitzes vor Gericht stand. "Macron macht sich auch für die quartiers stark", fügt sie hinzu und drückt dem Vater eine Broschüre mit Maßnahmen für benachteiligte Stadtteile in die Hand. Am Ende scheint er an seiner Entscheidung zumindest etwas zu zweifeln.

Drei Stimmen mehr

Andere Türen schließen sich, kaum geöffnet, gleich wieder. "Wenn ihr von Macron seid, braucht ihr gar nicht weiterzureden, ihr verschwendet eure Zeit. Schönen Abend", sagt eine junge Frau in einem "Guns N’ Roses"-T-Shirt. Sie ist wohl weniger Le Pen-, als Jean-Luc Mélenchon-Wählerin. Der Linkspolitiker landete in Rennes mit knapp 26 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz hinter Macron und gab keine Wahlempfehlung für die Stichwahl aus. Viele seiner Anhänger wollen am Sonntag ungültig oder gar nicht wählen.

Sechs Stockwerke und gut 20 Türen schaffen Remy und Fabienne an diesem Abend, gewonnen haben sie vielleicht zwei oder drei Stimmen - ein Knochenjob. Bei der letzten Wohnung öffnet eine gut gelaunte junge Frau. "Oh Macron, den mag ich", sagt sie: "Er ist kein Rassist wie die Andere." Einen Augenblick später kommt ihre Mutter halb tanzend und über das ganze Gesicht strahlend aus der Küche in den Vorraum. "Macron, président! Macron, président!", jubelt sie und präsentiert stolz ihren jüngsten Sohn: "Er heißt Emmanuel."

"Dieser Wahlkampf macht so unglaublich müde", sagt Fabienne, als sich die Tür wieder schließt. "Aber dann gibt es Momente wie diesen, und er gibt dir all die Kraft wieder zurück."

Europa-Politik:

Die Vorsitzende des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, fordert ein Referendum über einen Austritt Frankreichs aus der EU. Diese soll ein lockerer Staatenbund werden, in dem nationales Recht Vorrang hat. Frankreichs Nettobeitrag zum EU-Haushalt soll gleich null sein. Seine Grenzen soll das Land selbst kontrollieren.

Der parteiunabhängige Emmanuel Macron ist eindeutig pro-europäisch eingestellt. Er wirbt für ein Budget der Euro-Zone in Höhe von mehreren 100 Milliarden Euro. Es soll von einem Parlament der Euro-Zone kontrolliert und unter anderem im Kampf gegen Terrorismus eingesetzt werden.

Wirtschaft und Finanzen:

Le Pen setzt auf Protektionismus. Sie will zur nationalen Währung zurückkehren, außerdem Steuern auf Importe sowie die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer erheben.

Macron will Staatsausgaben kürzen und im Gesundheitsbereich einsparen. Zugleich plant er Investitionen in die Aus- und Weiterbildung und die Modernisierung der Verwaltung.

Wissen - Programme der Kandidaten