Paris. Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat sich eine niedrige Beteiligung abgezeichnet. Das Innenministerium in Paris gab die Wahlbeteiligung am Sonntag um 17.00 Uhr mit 65,3 Prozent an. Das waren etwa vier Punkte weniger als bei der ersten Wahlrunde vor zwei Wochen zu diesem Zeitpunkt. In der Regel nimmt bei Präsidentschaftswahlen in Frankreich die Beteiligung zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang zu.

Die Wahlbeteiligung lag auch niedriger als bei den Präsidentschafts-Stichwahlen der Jahre 2002, 2007 und 2012 um diese Uhrzeit. Allerdings haben zahlreiche Wahlbüros dieses Jahr eine Stunde länger geöffnet als in früheren Jahren.

Es geht auch um Europa

Eines ist bei der Stichwahl in Frankreich sicher: Das  internationale Interesse an der Entscheidung über das neue Staatsoberhaupt ist enorm. Schuld daran sind zwei Kandidaten, die beiden nicht aus den traditionellen politischen Lagern des Landes stammen: die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der pro-europäische Kandidat der Mitte,  Emmanuel Macron.

Das Ergebnis hat besonders für Europa Bedeutung: Ein Sieg der EU-Gegnerin Le Pen würde die Europäische Union schwer erschüttern.

Nach einem von Affären und scharfen Angriffen geprägten Wahlkampf ging der frühere Wirtschaftsminister und Investmentbanker Macron als klarer Favorit in das Finale. Die letzten Umfragen sahen ihn bei 62 bis 63 Prozent, Le Pen kam auf 37 bis 38 Prozent. Falls der 39-Jährige gewinnt, wäre er der jüngste französische Präsident aller Zeiten.

Vor dem Hintergrund der Terrorgefahr sind mehr als 50.000 Polizisten im Einsatz. Frankreich war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel islamistischer Anschläge. Erst Mitte April wurde bei einer Attacke auf dem Pariser Boulevard Champs-Elysees ein Polizist getötet.

Die Wahllokale sind bis 19.00 Uhr geöffnet, in großen Städten sogar bis 20.00 Uhr. Dann gibt es auch die ersten Hochrechnungen.

Bis zur Schließung der letzten Wahlbüros gilt in Frankreich eine Nachrichtensperre für Prognosen und erste Auszählungen. Allerdings hatten belgische Medien beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen schon am späten Nachmittag Umfrageergebnisse verbreitet. In einigen französischen Überseegebieten stimmten die Wähler wegen der Zeitverschiebung bereits am Samstag ab

Nationalismus gegen europäischen Horizont

Die beiden Finalisten stehen für gegensätzliche Weltbilder und hatten sich im Wahlkampf scharf attackiert. Le Pen ist die Kandidatin der rechtsextremen Partei Front National, die sie 2011 von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen übernommen hatte. Die 48-Jährige will im Fall eines Wahlsiegs den Euro als gängiges Zahlungsmittel abschaffen und ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft Frankreichs ansetzen. Nach dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten würde ein Erfolg Le Pens populistischen Kräften neuen Auftrieb verschaffen.

Macron dagegen steht zur EU, er will den Euro stärken und strebt eine enge Partnerschaft mit Deutschland an. Er will die Wirtschaft des Landes mit Reformen wettbewerbsfähiger machen, damit das Land sich in der Globalisierung behaupten kann. Er tritt unabhängig von den etablierten Parteien an und positioniert sich als "weder rechts noch links". Macron war von 2014 bis 2016 Wirtschaftsminister unter dem amtierenden sozialistischen Präsidenten Francois Hollande, der nicht wieder antritt.

Für Frankreich beginnt mit der Wahl in jedem Fall eine neue politische Ära. Denn die Bewerber der traditionellen Regierungsparteien - Konservative und Sozialisten - waren schon im ersten Wahlgang vor zwei Wochen ausgeschieden. Die gemäßigten Kräfte der französischen Politik stellten sich anschließend hinter Macron, um Le Pen zu verhindern. Allerdings lehnen viele linke Wähler Macrons wirtschaftsfreundliche Linie ab.

Das Wahlwochenende wurde von der Veröffentlichung zahlreicher interner Dokumente aus dem Wahlkampfteam Macrons überschattet. Seine Bewegung "En Marche!" erklärte, die Daten seien bei einer "massiven und koordinierten" Hackerattacke vor einigen Wochen gestohlen worden. Die erbeuteten Dokumente seien alle legal und zeigten die normale Funktionsweise eines Wahlkampfs, es würden aber auch gefälschte Dokumente verbreitet. Wer hinter dem Cyberangriff steckt, blieb zunächst unklar. "En Marche!" erhob den Vorwurf, Ziel des Hacker-Angriffs sei eine Destabilisierung der Demokratie.