Paris. Mit dem Sieg Emmanuel Macrons zum neuen Präsidenten ist für viele der Höhepunkt des französischen Wahljahres vorbei. Aber EU-Diplomaten und Frankreich-Kenner warnen davor, dass der Blick auf die Präsidentschaftswahl alleine zu kurz greift. Denn schon am 11. und 18. Juni folgen die beiden Wahlgänge der Parlamentswahlen - und sie gelten in Frankreich als mindestens ebenso wichtig. Denn sie bestimmen, welche Rolle ein Präsident in den kommenden Jahren überhaupt spielen kann.

Auch Claire Demesmay, Frankreich-Expertin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), misst den Parlamentswahlen eine überragende Bedeutung zu. Denn die französische Verfassung sieht nicht nur einen mächtigen Präsidenten, sondern auch einen vom Parlament gewählten Ministerpräsidenten vor. Beide müssen zusammenarbeiten.

In der Vergangenheit führte dies mitunter zur sogenannten "Cohabitation", in der etwa von 1993 bis 1995 ein sozialistischer Präsident mit einem bürgerlichen Ministerpräsidenten zusammenarbeiten musste. Von 1997 bis 2002 war die Konstellation genau anders herum. Schwierig war beides.

Macron braucht Mehrheit im Parlament

Nach dem Sieg des proeuropäischen, unabhängigen Kandidaten Macron könnte Frankreich vor einem Novum stehen. Denn Macron trat als unabhängiger Kandidat mit seiner neuen Bewegung "En Marche" außerhalb des etablierten Parteienspektrums an. Der Sieg am Sonntag gibt seiner Bewegung sicherlich Auftrieb auch für die Parlamentswahl. Die meisten französischen Beobachter halten es dennoch für wenig wahrscheinlich, dass "En Marche" mit ihrer Mischung aus Vertretern der Zivilgesellschaft und einigen aus anderen Parteien übergelaufenen Politikern in der kurzen Zeit bis Juni einen landesweit wirklich schlagkräftigen Apparat aufstellen kann, der die Mehrheit erringt.

Allerdings gab es vor wenigen Tagen eine erste Umfrage des Instituts OpinionWay/SLPV analytics, nach der Macron genau dies vielleicht doch knapp schaffen könnte. Demnach könnte "En Marche" 249 bis 286 der 577 Sitze in der Nationalversammlung gewinnen. An zweiter Stelle werden die konservativen Republikaner erwartet. Abgeschlagen dahinter landen nach diesem Ergebnis die Sozialisten, der Front National und die extreme Linke. Denn so wie die Präsidentschaftswahl zumindest im ersten Gang die extremen politischen Flügel begünstigte, so führt der zweite Wahlgang bei den Parlamentswahlen meistens dazu, dass sich die moderaten Parteien in der Stichwahl etwa gegen die Kandidaten des Front National zusammenschließen.