Wiener Zeitung: Emmanuel Macron ist französischer Präsident. Was hat Marine Le Pen falsch gemacht?

Anton Shekhovtsov: Die Fernsehdebatte hat Le Pen sehr geschadet, weil ihr Verhalten und ihre Rhetorik sehr radikal waren. Die Menschen realisierten, dass ihre jahrelangen Versuche, den Front National als Mainstream-Partei zu etablieren und aus dem Schmuddel-Eck zu rücken, gescheitert sind. Ihr Auftritt war so extrem, das auch viele Melenchon-Wähler aus Angst vor Le Pens Sieg bei der Wahl nicht zuhause blieben, sondern Macron ihre Stimme gaben. Ein anderer Faktor waren die #Macronleaks, die einen Tag vor der Wahl veröffentlicht wurden. Sie wurden sehr schnell mit Russland in Verbindung gebracht, was nicht dem eigentlichen Ziel Macron, sondern Le Pen Schaden zufügte.

Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen ist ein größerer Hardliner als die FN-Chefin. Sie hat ihrer Tante vorgeworfen, nicht radikal genug zu sein, was ihr im Wahlkampf geschadet haben soll.(Update: Maréchal-Le Pen hat ihren Rückzug aus der Politik angekündigt, nachdem das Interview stattfand.)

Jean-Marie Le Pen sagte, dass seine Tochter sich nicht für das Präsidentenamt eigne und machte ihren Kampagnenmanager Florian Philippot für einen falschen Fokus verantwortlich: Dieser hätte im zufolge mehr auf Arbeitslosigkeit und Einwanderung als auf der EU liegen müssen. Da der 88-Jährige aus der Partei geworfen worden war, hatten sie während des Wahlkampfs keinen Kontakt. Er hat zwar dazu aufgerufen, Marine Le Pen zu wählen, aber seine Unterstützung war relativ halbherzig. Es ist zwar noch zu früh, um über eine Spaltung des Front National zu sprechen, aber es wird massive interne Konflikte geben, die zwei Lager ergeben könnten: Philippot und Marine Le Pen möchten eine gemäßigte Mitte-Rechts-Partei etablieren und damit die französischen Republikaner ersetzen. Im Gespräch ist auch ein neuer Name für die Partei. Der andere Flügel ist mehr nach Jean-Marie Le Pens Tradition, christlich orientiert, rechtsradikal, xeno- und homophob und würde von Marion Maréchal-Le Pen angeführt.

Hätte denn diese Partei, die quasi zu den radikalen Wurzeln des Front National zurückkehrt, eine Chance auf breite Unterstützung in der Bevölkerung?