Nein, darum geht es den Anhängern auch nicht. Dahinter steht keine parteipolitische Taktik, sie haben lediglich ideologische Interessen, weil sie mit der gemäßigten Mitte-Rechts-Politik sehr unglücklich sind. In Frankreich gibt es mehrere kleine Parteien und Bewegungen im rechtsextremen Eck. Der FN war seit jeher dafür bekannt, dass er die rechtsradikale Szene anzieht. Meine Vermutung lautet, im Falle einer Spaltung ist es sehr wahrscheinlich, dass Maréchal-Le Pen jene rechtsextremen Parteien integrieren wird und sie mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dazu gehören auch ältere Bewegungen wie die "Action Francaise", die vor 117 Jahren gegründet wurde, die man heute wieder auf der Straße sieht.

Gäbe es zwischen diesem radikalen FN und Russland eine Allianz? Und hätte der Kreml überhaupt Interesse am rechtsextremen Schmuddeleck? Putin hat dieses ja stets zu vermeiden versucht.

Russland ist bestimmt mehr auf eine Zusammenarbeit mit Regierungsparteien oder der gemäßigten, nationalkonservativen Rechten in Europa aus. Man würde wohl auch mit dem "Hardcore Front National" kooperieren, aber Jean-Marie Le Pen ist nicht so Putin-affin wie seine Tochter.

Die Präsidentschaftswahl war ein herber Rückschlag für die französische Rechte, aber abschreiben darf man sie trotzdem nicht. Arbeitsmarkt, negative Folgen der Globalisierung, Migrationskrise – für diese Herausforderungen wird es in absehbarer Zeit keine Lösung geben. Könnte der FN einen Aufschwung erleben, etwa bis zur nächsten Präsidentschaftswahl 2022, mit Marion Maréchal-Le Pen an der Spitze?

Ja, aber eher wird das Mitte-Rechts-Projekt des FN erfolgreich werden, da sie Wähler von der republikanischen Partei zugewinnen könnten. Le Pen zeigte sich vor der Wahl sogar bereit für einen republikanischen Ministerpräsidenten. Es ist vorstellbar, dass man die Kräfte in einer gemeinsamen Mitte-Rechts-Partei bündelt und dies durchaus in der Bevölkerung Anklang finden würde. Und: Diese Problembereiche, die Sie angesprochen haben, haben zu einem Anstieg der Front-National-Wählerschaft geführt. Langfristig wird sich die Partei nur halten können, wenn man sich vom rechtsradikalen Teil trennt.

Welche Reaktion ist aus dem Kreml zu erwarten, da Wladimir Putins größte Verehrerin versagt hat?

Der Kreml schiebt Panik. 2016 lief es sehr gut für Russland, doch Alexander Van der Bellens Sieg läutete das Ende dieses - wie ich es nenne - "Krampus-Jahres" ein. (lacht) Putin hat eine schwierige Zeit vor sich. Er wird natürlich an einer Zusammenarbeit mit Macron arbeiten, aber er hat einen strategischen Fehler begangen. Ende 2016 und Anfang 2017 sah Russland in Francois Fillon den aussichtsreichsten Kandidaten für das Präsidentenamt Frankreichs. Als aber seine Umfragewerte purzelten, hat Putin allen Widrigkeiten zum Trotz auf Marine Le Pen gesetzt. Jeder vernünftige, normale Mensch hätte versucht, gute Beziehungen mit Emmanuel Macron aufzubauen. Stattdessen unterstützte der Kreml Le Pen und schaut jetzt ins Leere. Putin wird sein Bestes versuchen, aber es sieht nicht rosig für ihn aus. Mit den Hackerangriffen und Leaks über Macron haben sie die Brücken hinter sich abgerissen.