Prag. (man) Die Geschichte von Montenegros Nationalteam eignet sich als Fußball-Lehrbuch. Als Lehrbuch darüber, wie man aus wenigen Mitteln sehr viel macht, und das in kurzer Zeit. Denn Montenegro spielt am Freitag (20.15 Uhr), gut drei Jahre, nachdem der Verband sein erstes Pflichtspiel bestritt, in Prag gegen Tschechien um die Teilnahme an der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine.

Entschieden wird das Duell erst im Rückspiel am kommenden Dienstag in Montenegros Hauptstadt Podgorica. Und dass ein ganzes Land gespannt auf dieses Match wartet, ist in diesem Fall keine Übertreibung. Denn Montenegro ist mit Abstand das kleinste Land, das sich noch im Rennen um die EM-Teilnahme befindet. Mit 625.000 Einwohnern und knapp 14.000 Quadratkilometer Fläche hat es in etwa die Dimensionen Tirols. Das ganze Land hofft auf den ersten großen Sporterfolg, seit sich Montenegro vor fünf Jahren als eigenständiger Staat von Serbien abgespalten hat.

Dabei hatte das kleine Land erst vor gut einem Monat sein "Spiel des Jahrzehnts", wie Verteidiger Milan Jovanovic das Spiel gegen England in der Gruppenphase bezeichnete. Er tat das vor der Partie, und es war dann nicht nur wegen des prominenten Gegners ein Spiel des Jahrzehnts. Nach 0:2-Rückstand gelang Montenegro noch ein 2:2, der Ausgleich fiel in der Nachspielzeit und sicherte dem Team die Play-off-Teilnahme. Dabei ging Montenegro als Außenseiter in eine Gruppe mit England, der Schweiz, Wales und Bulgarien. Doch Zlatko Kranjcar, vor dem Spiel gegen England überraschend als Teamchef entlassen, sagte schon während der Gruppenphase: "Ich glaube, wir können uns mit Bulgarien, Wales und der Schweiz messen und mit etwas Glück Zweiter werden." So war es dann auch. Dass Montenegro nun gegen Tschechien wieder als Außenseiter ins Rennen geht, wird unter diesen Voraussetzungen nicht als Nachteil angesehen.

Ein Kader mit wenigen Stars

Dass sich das Land auf dem Weg zur EM ausgerechnet gegen die Schweiz durchgesetzt hat, hat feine Ironie. Schließlich hat Montenegro den Beinamen "Schweiz des Balkans". Denn das Land ist äußerst gebirgig und steht auch ökonomisch etwas besser da als so manches Nachbarland. Dennoch ist die Fußball-Infrastruktur des Landes schwer ausbaubedürftig. Das Gradski-Stadion, in dem das Rückspiel stattfindet, ist mit 12.000 Plätzen das einzige des Landes, das internationalen Standards halbwegs genügt. Ein Erfolg wie die EM-Qualifikation und damit verbundene Einnahmen kämen also gerade recht. Obwohl der rasche Erfolg überraschend kommt, ist es nicht so, dass das Land keine ausgeprägte Fußball-Geschichte hätte.

Immer wieder brachte Montenegro noch als Teil Jugoslawiens Ausnahmekicker hervor. Nikola Jovanovic war 1979 der erste Jugoslawe, der für Manchester United spielte. Als Roter Stern Belgrad 1991 am Vorabend des Zerfalls Jugoslawiens den Europacup der Landesmeister gewann, standen drei Montenegriner im Kader. Darunter Dejan Savicevic, der heute Verbandspräsident ist und seine Karriere, in der er mit dem AC Milan auch die Champions League gewann, bei Rapid Wien ausklingen ließ. Predrag Mijatovic schoss Real Madrid 1998 in der Champions League zum ersten Titel nach 32 Jahren. Solche Ausnahmefiguren finden sich im aktuellen Kader nicht.

Abgesehen von den beiden Stürmern Mirko Vucinic (Juventus Turin) und Stefan Jovetic (Fiorentina), die beide in Italien spielen, setzt sich der Kader aus Spielern von kleinen bis mittelgroßen Vereinen aus ganz Europa zusammen. Die Stärken des aktuellen Teams finden sich eher in der Offensive. "Natürlich wäre es großartig, kein Tor zu bekommen, aber das heißt nicht, dass wir nur verteidigen. Die beiden Stürmer Vucinic und Jovetic sind unsere herausragenden Spieler", sagt Teamchef Branko Brnovic, der Kranjcar als dessen ehemaliger Assistent beerbte.

Über den Teamchef und seinen Stil ist recht wenig bekannt, coachte er nach dem Spiel gegen England doch nur mehr das bedeutungslose Spiel in der Schweiz, eine 0:2-Niederlage. Verteidiger Elsad Zverotic berichtet in der Berner Zeitung "Der Bund" von eher lockeren Umgangsformen: "Für uns ist nicht maßgebend, wann wir ins Bett gehen, sondern ob wir auf dem Platz bereit sind." Er wuchs in der Schweiz auf und weiß, wovon er spricht: "Wir funktionieren anders als die Schweizer." Zumindest in der EM-Qualifikation hieß anders auch besser.