Wien. Hilde Fellmann ist 88 Jahre alt und schon etwas gebrechlich. Sie lebt in einer niederösterreichischen Gemeinde mit 1000 Einwohnern. Sie hat das Glück, dass dort ein Arzt ist - noch dazu mit Hausapotheke. Denn Frau Fellmann ist Witwe, hat keine Kinder und kein Auto und könnte selbst nicht mehr in die fünf Kilometer entfernte Stadt fahren, um sich die Arzneien zu besorgen.

Die Hausapotheke ist möglich, weil die Arztpraxis aus dem Zentrum an den Ortsrand verlegt wurde und damit die Sechs-Kilometer-Grenze zur nächsten Apotheke eingehalten werden konnte. Die Hausapotheke ist aber für viele Landärzte "die Butter aufs Brot", wie es ein Arzt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" bei einem Symposion der Ärztekammer zum Landarztsterben formuliert hat. Dieses Zugeständnis ist für viele Mediziner heute noch ein Grund, Landarzt zu werden.

"Die Arbeit im ländlichen Raum gilt als relativ unattraktiv"

Aber Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger warnt: "Wir laufen auf einen Versorgungsnotstand auf dem Land zu." In den kommenden zehn Jahren wird die Hälfte der derzeit 1800 Landärzte in Pension gehen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung, die Lebenserwartung steigt und es gibt immer mehr Menschen über 65 Jahren. In Deutschland rechnet man mit einem um 20 Prozent höheren Versorgungsbedarf in den nächsten zehn Jahren. Und auch dort gibt es Probleme mit der Nachbesetzung der Landärzte.

Warum ist das so? Im "Health System Watch" von 2012 des Instituts für höhere Studien heißt es dazu: "Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Arbeit im ländlichen Raum als relativ unattraktiv gilt. Abgesehen davon, dass viele (junge) Menschen das Leben in der Stadt vorziehen, sind die Ärzte, die auf dem Land praktizieren, oft viel größerer Anstrengung ausgesetzt als ihre Kollegen in der Stadt. Die ,Landärzte‘ sind meist Generalisten, müssen aber häufig noch eine Reihe anderer Aufgaben erfüllen."

Für diese große Verantwortung sei aber die Ausbildung nicht ausreichend, sagt Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am IHS, zur "Wiener Zeitung". Allgemeinmediziner seien in der Peripherie auf sich gestellt. Daher müsste schon während des Studiums darauf Bedacht genommen werden und Medizinstudenten müssten während des Studiums zu einem Praktikum bei einem niedergelassenen Arzt verpflichtet werden. "Denn was ich nicht kenne, strebe ich gar nicht an."