Wien. (pech) "Jede Leistung im Gesundheitssystem soll dort erbracht werden, wo sie optimal angesiedelt ist - unter Ressourcen- und Qualitätsaspekten", so definiert der Generaldirektor des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, Josef Probst, die Primärversorgung. Wie diese Erstversorgung von Patienten künftig aussehen soll, wird kommenden Montag von den Akteuren des Gesundheitssystems - der Bundeszielsteuerungskommission - beschlossen.

Die Ärztekammer tagt heute, Donnerstag, und Freitag in Loipersdorf und wird einen endgültigen Beschluss fassen, ob sie das ausgearbeitete Modell für eine Erstversorgung akzeptiert. Denn, so lautet ihre Kritik: "Wir waren in die Planung nie eingebunden."

Warum braucht es ein Primärversorgungsmodell? Ein Ziel der Gesundheitsreform ist die Verlagerung der Patienten von den Spitalsambulanzen zu den Ärzten vor Ort. Sogenannte Primärversorgungseinrichtungen sollen in Hinkunft als erste medizinische Kontaktstellen für alle Menschen mit gesundheitlichen Anliegen und Problemen dienen. Das heißt aber nicht, dass der einzelne Allgemeinmediziner in seiner Praxis abgeschafft wird. Vielmehr sollen in einem ersten Schritt bestehende Strukturen vernetzt werden. Daneben sind aber auch neue Organisationsformen geplant - mit allen Gesundheitsberufen in einem Haus.

Vorgesehen sind Teams, die aus einem Hausarzt, Pflegepersonal und Ordinationsassistenzen bestehen. Dazu kommen noch Spezialisten für die Versorgung von Kindern, Alten oder für Menschen mit psychosozialen Problemen. Bei Bedarf können noch weitere Berufsgruppen wie Ergotherapeuten, Hebammen, Sozialarbeiter und Einrichtungen wie Apotheken, Krankenanstalten oder Schulen dazukommen.

Wie das aber genau vonstatten gehen soll, darüber gab es in den vergangenen Monaten heftige Meinungsunterschiede zwischen Gesundheitsministerium, Hauptverband und Ärztekammer. Die Ärzte, die den Hausarzt als zentrale Anlaufstelle positionieren wollen, befürchteten, dass genau dieses Modell unter die Räder kommen könnte. Ihre Sorge war, dass das System der zwischen Sozialversicherungen und Ärztekammern ausverhandelten Kassenverträge ausgehebelt werden und es keine Einzelordinationen mehr geben könnte. Gesundheitsminister Alois Stöger hat diese Bedenken aber ausgeräumt; die Ärzte in ihren Ordinationen würden auch weiter Einzelvertragspartner bleiben, versicherte der Minister. Allerdings brauche es - etwa bei chronischen Erkrankungen - künftig andere Honorierungsformen als bei Einzelleistungen. Dies sei jedoch Sache der Vertragspartner, so Stöger.

In der Ärztekammer ist man nicht sicher, ob der Kammertag diesen Kompromiss so mitträgt. "Die Giftzähne sind gezogen", hieß es aus der Zentrale in der Wiener Weihburggasse, aber ob das reiche, sei noch nicht sicher.

Tatsache ist, dass die Gesundheitsversorgung in Österreich stark auf Spitäler fokussiert, Allgemeinmediziner sind hierzulande Einzelkämpfer. Es geht der Politik daher darum, Versorgungszentren zu fördern, in denen verschiedene Gesundheitsberufe zusammengefasst sind.

Das Institut für höhere Studien hat unter der Leitung von Thomas Czypionka in einer Studie "Interdependenzen in der ambulanten medizinischen Versorgung in Österreich" analysiert. Grob zusammengefasst kann demnach gesagt werden, dass Allgemeinmediziner Ambulanzen und Krankenhäuser entlasten könnten. Czypionka: "Wir haben objektiv einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Primärversorgung und den Spitalsfrequenzen nachweisen können. Es wird sicherlich so sein, dass eine gute Primärversorgung die Inanspruchnahme von Krankenhausambulanzen reduziert. Daher ist es auch gut, wenn die derzeitige Gesundheitsreform das zu ihrem Ziel macht."