Kein Licht am Ende des Turnus: Wenn sich Jungärzte nicht fit für den Lebensjob fühlen. - © fotolia/sudok1
Kein Licht am Ende des Turnus: Wenn sich Jungärzte nicht fit für den Lebensjob fühlen. - © fotolia/sudok1

Wien. "Ich würde heute nicht mehr für Medizin inskribieren", erzählt eine geknickte Jungärztin, die an der Universität Wien studiert hat. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Denn die junge Frau hat ihren Turnus noch nicht beendet und befürchtet daher mögliche Konsequenzen. Ihre Ausbildung macht sie in einem Krankenhaus in Niederösterreich. Sie wollte Ärztin werden, ganz klassisch. "Heute habe ich andere Pläne", sagt sie, "in der Medizin werde ich aber bleiben." Genaueres möchte sie nicht verraten. Aber eines ist sicher: Sie hat mitunter durch den Turnus Freude am Beruf verloren. Turnusärzte verrichten Pflegetätigkeiten. Zum größten Teil würde ihre Arbeit aus Bürokratie bestehen, sagt sie. Sonst macht sie die Erstbegutachtung von Patienten in der Ambulanz, neben Blutabnahmen, EKGs und Infusionen. Turnusärzte werden mit Aufgaben konfrontiert, die auch das Pflegepersonal übernehmen kann. Routinetätigkeiten wie diese lernt man im Studium und bringen einen Jungarzt nicht voran.

Ausbildung auf Pump

Doch das Problem der Ausbildung beginnt schon vor dem Turnus. Nämlich am Ende des Medizinstudiums, beim heuer im August in Wien erstmals startenden Klinisch-Praktischen Jahr (KPJ). 48 Wochen lang praktizieren die Studierenden im Krankenhaus und übernehmen 35 Stunden die Woche ärztliche Tätigkeiten und Journaldienste. Unbezahlt wohlgemerkt, weshalb viele Studierende einen Kredit aufnehmen müssen, um sich ihre Ausbildung zu finanzieren, wenn nicht gerade die Eltern über das nötige Kleingeld verfügen. Ein Nebenjob wäre nur schwer möglich. 650 Euro pro Monat fordern die Studenten daher als Aufwandsentschädigung für das KPJ. Vergleichbar ist dieses Entgelt mit dem eines Unterrichtspraktikanten.

Aus der Sicht des Wissenschaftsministers Reinhold Mitterlehner (ÖVP) müssen die Krankenhausträger die Bezahlung der Studierenden übernehmen. Es müsse derjenige zur Kasse greifen, der die Absolventen haben möchte. Also die Einrichtungen und Länder, die die Studierenden benötigen. Doch so einfach ist die Sache nicht geklärt. Obwohl die Krankenhausträger zustimmen, dass Studierende im KPJ künftig für ihre Arbeit entlohnt werden sollen, riefen sie zunächst die jeweiligen Unis dazu auf, für Geldmittel zu sorgen. Die Uni weist die Forderung aber mit der Begründung zurück, dass die Studierenden weitgehend fertig ausgebildet und damit von Nutzen seien. Das Gesundheits- wiederum sieht das Wissenschaftsministerium in der Pflicht, denn es handle sich um Studierende und nicht um Ärzte, es sei also Verhandlungssache der Unis und Krankenhausträger, falle also in die Zuständigkeit des Wissenschaftsministeriums.

Die Studentenvertretung sieht sich mittlerweile nach privaten Investoren um, um in den schlimmsten Fällen helfen zu können - eine verpflichtende Entschädigung ist nicht absehbar. Nur Vorarlberg, Oberösterreich und das Burgenland haben sich zugunsten der Studierenden bereits bewegt, einige der dort ansässigen Krankenhausträger zahlen schon. "Es darf nicht Aufgabe der Universitäten sein, Studenten für ihr Klinisch-Praktisches Jahr zu bezahlen", sagt Hermann Leitner, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien. Er fügt hinzu: "Wir müssen die Krankenanstalten stärker in die Pflicht nehmen."

Studierende und Jungärzte fordern nicht nur Geld, sondern auch bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. "Es gibt Länder, in denen all dies möglich ist. Diese Länder wollen gut ausgebildete junge Menschen wie uns", schreiben die Studierenden der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) Med Wien, Graz und Innsbruck in ihrer Online-Petition. 6845 Personen haben zu Redaktionsschluss bereits unterzeichnet.

"Andere kämpfen um uns"

Sie appellieren an die Politik, Maßnahmen zu setzen, und drohen: "Wenn das in Österreich leider nicht möglich ist, müssen wir uns in anderen Ländern umsehen. In der EU gibt es viele Staaten, die es schaffen, attraktive Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte anzubieten. Diese kämpfen schon jetzt um uns. Tun Sie das auch." Immer mehr Studierende und Jungärzte zieht es etwa nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Skandinavien, wo sie dann auch verbleiben. Sie werden dort besser oder überhaupt bezahlt, knüpfen Kontakte, gewöhnen sich an die Einrichtung, lernen gegebenenfalls die Sprache und eine raschere Facharztausbildung sowie humane Arbeitszeiten locken vor allem Medizin-Absolventen ins Ausland. 42 Prozent der Medizinstudenten in Österreich könnten sich laut einer Umfrage der Medizin Unis einen Wechsel in einen anderen Staat vorstellen.

50 Prozent Braindrain?

Über 600 von 1380 Absolventen haben 2013 nicht in Österreich als Ärzte zu arbeiten begonnen, sagte Mitterlehner anlässlich der Gründung der neuen Linzer Medizin-Fakultät. Allein im Vorjahr haben 740 heimische Ärzte einen Ausbildungsnachweis beantragt, um in Europa als Arzt arbeiten zu können. Wobei das Gesundheitsministerium betont, dass nicht alle ins Ausland abgewandert seien, sondern ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen hätten oder in anderen Bereichen - etwa in der Forschung - arbeiteten. In Österreich gäbe es genug Ärzte, mit 4,8 Ärzten pro 1000 Einwohner liegt man hierzulande weit über dem OECD-Durchschnitt von 3,2. Das Gesundheitsministerium pocht auf eine bessere Verteilung der Arztkräfte.