Wien. Alle 50 Minuten stirbt in Österreich ein Mensch an den Folgen von Diabetes, pro Jahr sind das rund 10.000 Tote. 2500 Betroffenen wird ein Bein abgenommen - das entspricht 62 Prozent aller jährlichen Amputationen. Trotz voranschreitender medizinischer Forschung und der zunehmenden Zahl an Möglichkeiten, Diabetikern zu helfen, wird die Menge der Betroffenen nicht kleiner. Sie wächst sogar. Ein Grund dafür ist freilich die demografische Situation, aber auch bei der Prävention, der Diagnose sowie der Verfügbarkeit von Therapien gibt es in Österreich im EU-Vergleich Aufholbedarf. Konkret liegt Österreich laut aktuellem Euro-Diabetes-Index an 13. Stelle. Weit abgeschlagen hinter Ländern wie Schweden (liegt an erster Stelle), den Niederlanden und Dänemark.

Kinder und Jugendliche sind vor allem vom Typ-1-Diabetes betroffen, bei dem die Insulin bildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. - © Corbis/Boddy/Science Photo Library
Kinder und Jugendliche sind vor allem vom Typ-1-Diabetes betroffen, bei dem die Insulin bildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. - © Corbis/Boddy/Science Photo Library

Derzeit ist schon jeder 14. Österreicher "zuckerkrank", wie man im Volksmund sagt, das sind 600.000 Menschen. Diabetes ist zur Volkskrankheit geworden: Seit 1998 ist die Zahl der Diabetiker in gesamt Mitteleuropa um 40 Prozent gestiegen. Die Kosten, die daraus direkt sowie aufgrund der Folgeerkrankungen entstehen, sind enorm. In Österreich werden sie auf 4,8 Milliarden Euro jährlich geschätzt - und werden vermutlich weiter steigen. Laut Österreichischer Diabetes Gesellschaft wird es im Jahr 2030 bereits 800.000 Diabetiker geben.

Disease Management Programm erreicht nur wenige

Doch warum funktionieren Prävention, Diagnose und Therapie in Österreich so schlecht? Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat im Jahr 2006 zwar das Disease Management Programm (DMP) "Therapie aktiv - Diabetes im Griff" gestartet, der Anteil der teilnehmenden Diabetiker beträgt aber nur 20 Prozent. "Das liegt sicher daran, dass das Programm mit einer überbordenden Bürokratie verbunden ist", sagt dazu der Wiener Diabetologe Peter Fasching im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Zudem nehmen Kärnten, Burgenland und Tirol nicht teil, hier gibt es teilweise andere Betreuungsprogramme. Der Hauptverband selbst wollte sich zum DMP auch nach mehrmaliger Nachfrage nicht äußern.

Die Idee hinter dem Disease Management Programm ist, dass speziell geschulte Hausärzte Diabetiker in kleinen Gruppen im Umgang mit ihrer Krankheit unterrichten und die Patienten auch langfristig betreuen. Gemeinsam werden Therapieziele festgelegt und etwaige Erfolge kontrolliert. Die Ärzte bekommen für den Aufwand ein eigenes Honorar.

Viele Patienten wüssten aber gar nicht, dass dieses Programm existiert, bemängelt Fasching. Seiner Ansicht nach müsste man es besser bewerben und die Motivation, teilzunehmen, steigern. Zum Beispiel indem der Zugang zu genehmigungspflichtigen Präparaten für die Teilnehmer erleichtert werde. Es brauche greifbare Vorteile für beide: Arzt und Patienten.

Ein weiteres Problem: Die Ärzte, die am DMP teilnehmen, müssen speziell geschult sein. Die Fortbildung besteht aus sieben Modulen und dem Abschlusstest. Es gebe aber zu wenige Schulungszentren und Seminarangebote, zudem sei im Laufe der Therapie die Aufgabenverteilung zwischen Fachärzten, Ambulanzen und Krankenhäusern unklar, sagt Fasching. Schulungszentren und Ausbildung kosten freilich Geld - in Summe würde man sich aber einiges ersparen. Denn durch eine optimale Therapie fallen hohe Investitionen aufgrund von Folgeerkrankungen und Spitalaufenthalten weg.

Um zumindest in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die "Zuckerkrankheit" zu schärfen, hat die Österreichische Diabetiker Gesellschaft mit November eine Kampagne unter dem Motto "Face Diabetes" gestartet. Fernsehspots und Aufkleber sollen auf die weite Verbreitung von Diabetes aufmerksam machen und Menschen dazu bewegen, vorzubeugen. Denn ein gesunder Lebensstil mit regelmäßiger Bewegung und ausgewogener Ernährung senkt das Risiko, zu erkranken. Gleichzeitig gehen die Mediziner davon aus, dass zwei bis drei Prozent aller Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung wissen, solange diese keine Beschwerden verursacht.

Altersdiabetes zunehmend
bei Jugendlichen

Generell unterscheidet man zwischen zwei Arten von Diabetes. 90 Prozent der Erkrankten sind Typ-2-Diabetiker. Bei der am meisten betroffenen Altersgruppe, nämlich den 50- bis 70-Jährigen, leidet fast schon jeder Vierte daran. Typ-2-Diabetes (auch Altersdiabetes genannt) hat eine genetische Komponente, eine wichtige Rolle spielt aber der bereits erwähnte Lebensstil. Nach Jahren der Überbelastung durch einen erhöhten Blutzuckerspiegel, der durch Insulin abgebaut wird, stellt der Körper die Insulinproduktion einfach ein.

Anders verhält es sich bei dem Typ-1-Diabetes. Hier werden die Insulin bildenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, Insulinmangel ist die Folge. Dieser Typ tritt vor allem bei Kindern und Jugendlichen auf.

Aber die Zahl der typischen Risikofaktoren für Altersdiabetes steigt auch bei Jugendlichen. Einer Studie der Fachhochschule St. Pölten zufolge werden künftig immer mehr junge Menschen von Altersdiabetes betroffen sein, weil heute dreimal so viele Schüler wie vor 15 Jahren übergewichtig und damit Risikopatienten sind.