Bernadette Grohmann-Németh ist Ärztin, Autorin und Journalistin in Wien.
Bernadette Grohmann-Németh ist Ärztin, Autorin und Journalistin in Wien.

Endlich dürfen sie weniger arbeiten, nun können unsere Patienten auf ausgeschlafene Ärzte hoffen. Nun sollten endlich alle zufrieden sein. Alle? Nein: Die Mediziner sind immer noch nicht zufrieden - sie fordern mehr Geld. So klingen die meisten Artikel, die dieser Tage zum Thema Ärzteproteste erscheinen. Wunderbar suggerieren sie das Klischee des geldgierigen Arztes, der für einen fetten Porsche nachmittags seine Patienten in der Privatordination abzockt - und in Zukunft daran gehindert wird.

Und selbstverständlich gibt es genug kluge Politiker, die wieder einmal fleißig Öl ins Feuer gießen: Die Ärzte mögen doch bitte nicht das Leid der Patienten ausnützen, um ihre Standesinteressen durchzusetzen. Dass es hier größtenteils eben nicht nur um schnöde Standesinteressen geht (deren Berechtigung in anderen Branchen längst ausdiskutiert wäre), sondern sehr wohl um drohende Probleme für die Versorgung der Bevölkerung, wird elegant verschwiegen.

Die meisten der mehr oder weniger subtilen ärztekritischen Kommentare stammen aus der Feder von Zeitungskolumnisten, die sicherlich interessante Brotberufe haben mögen, aber ganz offensichtlich keine Ärzte sind, die den Spitalsbetrieb von innen her kennen.So meinte ein Kolumnist salopp, die Ärzte würden eben langsam akzeptieren, dass sie nun weniger arbeiten "dürften" - irgendwann würden sieschon nicht mehr böse wegen des Verdienstentganges sein. Dieser Schreiber weiß wohl nicht, dass es nicht allein die Stundenkürzung ist, die den Kollegen sauer aufstößt, und somit auch nicht nur das geringere Gehalt. Schon gar nicht den (vielen) Kollegen, die gar nicht über eine Privatordination verfügen, sondern in den Spitälern alle Hände voll zu tun haben.

Ich frage mich, wieso die Diskussion überall ein kleines, aber wichtiges Detail verschweigt. Von klugen Ökonomen bis hin zu Patientenvertretern spricht kaum jemand aus, dass die Kürzung von Stunden und Nachtdiensten nur funktioniert, wenn parallel mehr Ärzte eingestellt werden. Nur dann ist die gleiche Leistung wie bisher zu erbringen. Dies kann die Bevölkerung nicht wissen, daher wäre es Aufgabe der Medien, darauf aufmerksam zu machen, bevor sie die Ärzte pauschal als "geldgierig" darstellen.

Es ist unglaubwürdig, dass eine so einfache Rechnung nicht verstanden wird - und viel eher anzunehmen, dass sie absichtlich unter den Teppich gekehrt wird.

Sollte die Politik tatsächlich nicht nur die Zahl der Ärzte gleich belassen, sondern gar reduzieren - der KAV will 382 (!) Stellen streichen, also jeden zehnten KAV-Arzt -, so ist das Problem der "widerborstigen" Ärzte nicht eine Schwäche für mehr Geld - sondern eine Rechenschwäche der Politiker. Bedenkt man, dass von Fehlern bei Spitalsneubauten bis hin zu zwielichtigen Vergaben von Sozialwohnungen von deren Seite auch sonst noch so einiges verschwiegen wird, so ist zu befürchten, dass dies nicht auf Unausgeschlafenheit beruht.