Delhi/Wien. Ein Mal Philippinen. Das ist der Unterschied in der Zahl der Wahlberechtigten zwischen den Lok-Sabha-Wahlen (Parlamentswahlen) 2009 und den derzeit stattfindenden Wahlen. 2009 waren 714 Millionen Inderinnen und Inder wahlberechtigt, bei den diesjährigen Wahlen, die seit 7. April und noch bis 12. Mai laufen, sind es 815 Millionen. Man ahnt es schon, Indien ist ein sehr junges Land: 46,6 Prozent der Bevölkerung sind unter 24 Jahren (Österreich 25,2 Prozent).

Und diese Wahl, so sagen zumindest die Beobachter, sei eine der wichtigsten seit vielen Jahren. Denn bei dieser Wahl, so sagen es viele Demoskopen voraus, droht der Kongress-Partei eine Wahlschlappe und die Hindu-Nationalisten der Bharatiya Janata Party (BJP) stehen möglicherweise davor, den nächsten Premier, Narendra Modi, der größten Demokratie der Welt zu stellen.

Doch mit Modi beginnen die Probleme: Der Sohn eines Chai-Wallahs (Tee-Verkäufer), der in seiner Kindheit auch selbst Tee am Bahnhof Vadnagar (rund 100 Kilometer nördlich von Ahmedabad, der Provinzhauptstadt von Gujarat) verkaufte, ist in den Augen vieler Wähler als Self-Mademan bescheidener Herkunft ein wohltuender Kontrast zu seinem Kontrahenten Rahul Gandhi. Gandhi ist nämlich das Gegenteil von Modi: Gandhi ist der jüngste Spross des mächtigen Gandhi-Nehru-Clans, der seit der Unabhängigkeit Indiens vom früheren Kolonialherrn Großbritannien am 15. August 1947 die Geschicke des Landes bestimmte. Er ist nachgerade dazu geboren, eines Tages das Amt des Premierministers zu übernehmen.

Und genau das ist das Problem von Rahul Gandhi. Der Vorwurf der Opposition lautet, dass Rahul, Urenkel von Indiens erstem Premierminister Jawaharlal Nehru, Enkel der indischen Premierministerin Indira Gandhi und Sohn von des 1991 bei einem Attentat getöteten Vater Rajiv Gandhi und seiner Mutter Sonia Gandhi, das Amt des Premierministers als Erbpacht der Familie betrachtet. Immerhin: Rahuls Mutter Sonia hat beim Wahlsieg der Kongress-Parte im Jahr 2004 auf das Amt verzichtet und dem Ökonomen Manmohan Singh die Bühne überlassen.

Doch zurück zu Modi: Der Chief-Minister - so etwas wie ein Landeshauptmann oder Ministerpräsident - des hochentwickelten indischen Bundesstaats Gujarat (da finden die Landeshauptmann-Vergleiche auch schon wieder ihr Ende, denn Gujarats Bevölkerungszahl ähnelt mit rund 60 Millionen Einwohnern jener Italiens) ist bei den Wirtschaftseliten beliebt, ihm eilt der Ruf eines zupackenden, wirtschaftsfreundlichen Machers voraus.

Dunkler Schatten des Pogroms

Es liegt aber auch ein dunkler Schatten über seiner Regentschaft über Gujarat. 2002 starben 790 Muslime und 254 Hindus bei Pogromen gegen Muslime nach einem Anschlag von muslimischen Gewalttätern auf einen mit Hindu-Pilgern besetzten Zug im Februar 2002, bei dem wiederum 59 Menschen ums Leben gekommen waren. Modi wird bis heute beschuldigt, damals nicht genug unternommen zu haben, um das Töten zu beenden. Seine Mitgliedschaft bei der radikal-hinduistischen Kaderorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) trägt nicht dazu bei, jene Stimmen zum Verstummen zu bringen, die ihm vorwerfen, er habe mit seiner Untätigkeit damals stille Beihilfe zu den Pogromen geleistet. Von offizieller Seite sind ihm freilich nie konkrete Tatbestände zur Last gelegt worden.

Gleichzeitig kommt vonseiten der linken Intelligenzija Kritik, dass Modi zu sehr mit den indischen Oligarchen kuschle und hoffe, dass das Massaker von 2002 in Vergessenheit gerät: So schreibt etwa die indische Autorin Arundhati Roy in ihrem eben erschienen Buch "Capitalism - A ghost story": "Jene Menschen, die mitansehen mussten, wie ihre Angehörigen vergewaltigt, niedergemetzelt und bei lebendigem Leib verbrannt wurden, und die Zehntausenden, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, warten bis heute auf eine Geste der Gerechtigkeit. Aber Modi hat seinen safranfarbenen Schal und seine zinnrot gefärbte Stirn gegen einen schicken Anzug getauscht und hofft, dass mit den angekündigten Investitionen in Höhe von 450 Milliarden Dollar das Blutgeld bezahlt und die Rechnung beglichen ist."

Und es sind nicht nur Vertreter der Linken, die ihre Vorbehalte gegen Modi lautstark äußern. Vor kurzem warnte das angesehene Wirtschaftsmagazin "Economist" in einem Leitartikel vor einem Premierminister Modi: Ein Land, in dem die Konflikte zwischen den unterschiedlichen ethno-religiösen Gruppen nur ganz seicht unter der Oberfläche schlummern, sei ein Mann wie Modi an der Spitze des Landes eine Fehlbesetzung.

Ob unter einem Premierminister Narendra Modi eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen Indien und Pakistan droht, darüber gehen die Meinungen auseinander: Einerseits erwarten Beobachter von Modi eine härtere Linie gegenüber Pakistan. Angesichts des Rückzugs der USA aus Afghanistan und damit einer Erweiterung der Konfliktarena auf das Land am Hindukusch gibt es einen weiteren potenziellen Konfliktherd zwischen den beiden verfeindeten Atommächten. Indien versucht bereits seit einigen Jahren nicht ohne Erfolg, in Afghanistan einen Fuß in die Türe zu bekommen. Der pakistanische Geheimdienst ISI wiederum unterstützt die Taliban im Nachbarland Afghanistan, die immer wieder indische diplomatische Einrichtungen und indische Bürger in Afghanistan zur Zielscheibe gemacht haben. In der von Pakistan beanspruchten indischen Provinz Kaschmir unterstützt Islamabad seit Jahrzehnten islamische Separatisten. All diese Konflikte könnte Modi anheizen, befürchten Beobachter.

Es gibt aber auch Stimmen wie den pakistanischen Außenminister Sartaj Aziz, der der britischen Tageszeitung "The Daily Telegraph" versicherte, dass Pakistan auch mit Modi problemlos zusammenarbeiten werde. Aziz erinnerte daran, dass es ein Premierminister der BJP, Atal Bihari Vajpayee, gewesen sei, der große Schritte für eine Verbesserung der Beziehungen beider Länder unternommen habe. "Vor den Wahlen sieht die Politik immer ein wenig anders aus, mehr nationalistisch und so weiter. Aber nach den Wahlen muss man sich dann um die Staatsangelegenheiten kümmern", wird Aziz im "Daily Telegraph" zitiert.

Nach einer Umfrage des Fernsehsenders NDTV (über 200.000 Befragte) sehen die Wahlberechtigten in möglichen größeren Spannungen zwischen Hindus und Muslimen das größte Problem, sollte Modi die Wahl gewinnen. Noch ist die Wahl aber nicht gelaufen.