Neu-Delhi. "Indien hat gewonnen", kommentierte Narendra Modi nicht gerade bescheiden seinen Sieg bei der indischen Parlamentswahl. Dann suchte der 63-jährige Oppositionspolitiker seine hochbetagte Mutter in Gandhinagar auf, um ihr gemäß indischer Tradition zu danken und dabei gleich noch ein "Selfie" von sich und der über 90-Jährigen von seinem Mobiltelefon aus an seine Fans zu verschicken. Modi, der seit 13 Jahren Ministerpräsident seines Heimatbundesstaates Gujarat ist, gilt als Technologie-Freak. Der Politiker ist das Lieblingskind der indischen Wirtschaft; doch bei dieser Abstimmung konnte er selbst Indiens Millionenheer der Armen für sich gewinnen.

Bereits früh am Freitag, als Millionen Wahlhelfer zwischen Himalaya-Gebirge und der tropischen Südspitze des Subkontinents mit dem Zählen von über einer halben Milliarde Stimmzetteln begonnen hatten, war klar geworden, dass die Opposition unter Modi bei den Parlamentswahlen einen triumphalen Sieg errungen hatte. Riesengroßer Jubel machte sich vor dem Hauptquartier der hindunationalistischen Bharatiya Janta Party (BJP) im Herzen Neu-Delhis breit. Anhänger feierten den Sieg in einem Meer von Safranrot, der offiziellen Farbe der Partei. Zwei Lastwagen mit Feuerwerk und 2,5 Tonnen Ladoos, weiche, klebrige Zuckerbällchen, waren für die feiernde Masse in der Hauptstadt herangeschafft worden. Der äußerlich ruhig und gefasst wirkende Modi musste sich umringt von einer tanzenden und singenden Menge mühsam den Weg in die Parteizentrale bahnen.

Der BJP unter Modi war laut den verkündeten Zwischenergebnissen gelungen, was seit drei Jahrzehnten keine Partei in Indien mehr geschafft hatte: Sie hat die absolute Mehrheit im Parlament mit über 274 von 543 Sitzen. So kann Modi bequem ohne Koalitionspartner regieren, während in den vergangenen drei Dekaden wackelige Allianzen und unstete Bündnispartner stets ein Teil des politischen Alltags in Indien waren. Modi ebnete erstmals auch die Kluft zwischen der ärmeren Land- und der reicheren Stadtbevölkerung ein: Die BJP konnte bei beiden Gruppen gut punkten, was bisher noch keiner Partei gelungen war.

Abgestraft von den Wählern wurde Indiens alteingesessene Kongress-Partei unter Sonia Gandhi, die deren Sohn Rahul Gandhi ins Rennen geschickt hatte. Die Partei verlor über 150 Sitze und fuhr ihre schlimmste Niederlage ein. Rahul Gandhi, der 43-jährige Stammhalter der Nehru-Gandhi-Familiendynastie, stand am Freitag blass und fast widerwillig neben seiner Mutter Sonia, als diese die Wahlniederlage ihrer Partei eingestand und der BJP gratulierte. Derweil feierte die BJP ihren Triumph über Indiens heimliches Königshaus: "Die Politik der Erben, der Dynastie und des Anspruchs wurden vom indischen Volk abgestraft", erklärte BJP-Sprecher Ravi Shankar Prasad triumphierend.

Religiöse Unruhen als Schatten der Vergangenheit

In einem Land, in dem ein Drittel der Bevölkerung in bitterster Armut leben muss, beflügelte Modi mit seiner Lebensgeschichte die Hoffnungen der Massen: Mit seinem Image als Saubermann und Reformer, der sich aus armen Verhältnissen mit zäher Arbeit bis an die Spitze der Partei hochgearbeitet hat, stand Modi im klaren Gegensatz zu den Gandhis. In seinem Wahlkampf funktionierte Modi Indiens allgegenwärtige Straßen-Teestände zu kleinen Wahlkampfzentren um. Als kleiner Junge habe er vor einem kleinen Bahnhof in Gujarat Tee verkauft, um das Familieneinkommen aufzubessern, erzählte Modi den Wählern. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, arm zu sein." In der indischen Kastenhierarchie steht die Familie Modis weit unten.

Modi schwärmte von indischen Hochgeschwindigkeitszügen, von gigantischen Wasserkraftwerken und riesigen Industriezonen, die mit Indiens Rivalen China mithalten können. Der für einen spartanischen Lebensstil bekannte Politiker hat in den fast 13 Jahren als Regierungschef in seinem Heimatbundesstaat Gujarat im Westen Indiens für Wohlstand und Wachstum gesorgt. Viele der mehr als 60 Millionen Einwohner von Gujarat erkennen dies an - darunter auch viele Nicht-Hindus.

Mit der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte überzeugte Modi auch viele Wähler, die seine konservativ-religiöse Seite bisher besorgte. Modi ist seit seinen Studentenzeiten Mitglied der hindunationalistischen BJP. Und Modi war auch Ministerpräsident in Gujarat, als 2002 bei religiösen Unruhen zwischen Hindus und Moslems mindestens 1000 Menschen unter grausamen Umständen starben. Er habe bewusst nichts getan, um dem Blutrausch Einhalt zu gebieten, werfen seine Gegner ihm vor. Doch Modi-Anhänger sagen, dass in Gujarat inzwischen viele Drahtzieher des Pogroms vor Gericht gestellt wurden, während ähnliche Ausschreitungen in Indien bisher keinerlei Nachspiel hatten.

Selbst der verfeindete Nachbar Pakistan scheint sich in den letzten Wochen für Modi erwärmt zu haben: Diplomaten sagen, die Unruhen von 2002 bereiteten ihnen keine Sorgen, stattdessen hoffen sie, dass Modi die Friedensgespräche zwischen den Erzrivalen auf dem Subkontinent wiederbeleben kann, die der frühere BJP-Premierminister Atal Vajpayee ins Leben rief. Die beiden Atommächte haben in den letzten 60 Jahren drei Kriege gegeneinander geführt.

Modi arbeitete hart an seinem Sieg: Während des Wahlkampfes tourte und flog er unermüdlich durch das Land, besuchte eine Veranstaltung nach der anderen. Nun muss der künftige Premier sein Geschick bei der Führung des Landes mit über 1,2 Milliarden Menschen samt seinen extremen religiösen, sozialen und wirtschaftlichen und kulturellen Unterschieden unter Beweis stellen.