Nach welcher Methode arbeiten Sie konkret?

Ich mache medizinisch-psychotherapeutische Gespräche. Das große Problem dabei ist unser System, das eigentlich keine großzügige Redezeit erlaubt. Im Grunde müsste man 20 bis 30 Patienten pro Tag haben, damit sich die Arbeit überhaupt lohnt. Aber das würde gleichzeitig bedeuten, dass man pro Patient viel zu wenig Zeit zum Reden hätte. Zeit spielt in unserem Beruf eine große Rolle. Wenn wir zu wenig Zeit haben, ist das vergleichbar mit einem Chirurgen, dem gesagt wird, du hast zwar kein Skalpell, aber operiere trotzdem!

Wie lösen Sie persönlich dieses Problem?

Ich arbeite seit zwei Jahren als Wahlarzt, auf diese Weise funktioniert es gut.

Sie schreiben, dass ein guter Psychiater im Zuge eines Patientengesprächs im richtigen Moment die eigene Meinung für sich behalten muss, aber wenn der passende Zeitpunkt gekommen ist, sollte man dann durchaus ganz persönlich werden. Wie schafft man diese Balance zwischen Empathie und Abgrenzung?

Das lernt man mit der Zeit. Das Wichtigste ist, dass Arzt und Pa-tient auf einer Ebene sind. Ich versuche nie, Ratschläge zu geben, sondern die Problematik mit dem Patienten gemeinsam zu lösen. Das ist mir sehr wichtig. Für mich hat Psychotherapie immer etwas mit Moral zu tun. Die menschliche Psyche, die Seele, das innere Sein weiß zu jeder Zeit, was richtig ist - oder will zumindest wissen, was richtig sein könnte, um dann eine Wahl zu treffen. Dem Patienten soll bewusst werden, dass er sich im Grunde selbst am besten analysieren kann. Ich lerne immer auch von meinen Patienten, tauche in deren Ideen und Stories ein, es ist immer doppelseitig.

Sie sind 1941 in Teheran geboren. Was hat Sie veranlasst, nach der Matura nach Wien zu gehen und Medizin zu studieren?

Ursprünglich war Wien eigentlich nur als Zwischenstation geplant. Im Grunde wollte ich in den USA Filmregie studieren, aber mein Urgroßvater war strikt dagegen und meinte, wenn ich schon ins Ausland ginge, dann müsse ich etwas "Ordentliches" studieren. Ich hatte einen Onkel in Wien und habe mir gedacht, ich gehe zuerst einmal nach Wien, inskribiere Medizin und dann werde ich ja sehen, wie es weiter geht. Letztlich ist in Österreich aber alles so gut für mich gelaufen, dass ich mein Medizinstudium sehr schnell abgeschlossen hatte und hiergeblieben bin.

Wieso entschlossen Sie sich gerade zur Psychiatrie?

Das Interesse war im Grunde immer schon da. Bereits in der Schule war ich fasziniert vom großen iranischen Mediziner und Gelehrten Avicenna (980-1037, Anm.), in dessen Büchern sich Theorien über das Bewusstsein befinden, die später auch von Freud beschrieben wurden. Nach meinem Medizinstudium habe ich dann verschiedene Fächer ausprobiert, und bei der Psychiatrie dann sofort gespürt: Das ist es! Der nahe Kontakt zu den Menschen hat mich ungemein interessiert.

Haben Sie persönlich je Ausländerfeindlichkeit zu spüren bekommen?

Eigentlich nicht. Als ich 1959 nach Wien kam, hat man iranische Studenten eher als Exoten betrachtet, die ein bisschen Geld gebracht haben. Auch als Arzt hatte ich so gut wie keine diesbezüglichen Schwierigkeiten, weil die Patienten gesagt haben, der ist unser Doktor, der ist kein Ausländer . . . Meine Erlebnisse waren Gott sei Dank positiv, deswegen bin ich auch in Wien geblieben, und bin sehr froh, dass ich hier bin.

Mich hat an Ihrem Buch überrascht, dass Sie Ihrer Arbeit als Psychiater viel mehr Raum schenken als Ihrem Wirken als Filmschaffender. In den letzten 40 Jahren haben Sie über 30 Dokumentationen und Spielfilme gedreht. Trotzdem dürften Ihnen Schicksale von ganz normalen Menschen erzählenswerter erscheinen, als Erlebnisse mit Stars aus der Filmbranche?

Mir ist der Kontakt mit meinen Patienten wichtiger als ein Zusammenkommen mit Stars. Wenn ich in einer Gruppe von Schauspielern bin, bin ich froh, dass ich Psychiater bin! Natürlich freue ich mich über Begegnungen wie etwa mit Liza Minnelli oder Shirley MacLaine, zumal das genau jene Künstlerinnen sind, die ich immer sehr bewundert habe! Mein Zimmer war voll mit Fotos von amerikanischen Hollywood-Schauspielern. Mit Film bin ich aufgewachsen, das war von Kindheit an meine ganz große Leidenschaft und hatte im Iran einen großen Stellenwert. Die Kinos waren große Paläste - und auch heute stehen die Menschen bei Festivals stundenlang Schlange, um Karten zu bekommen.

Wenn man sich die Besetzungslisten Ihrer Filme ansieht, findet man oft prominente Namen. Für "Höhenangst" konnten Sie beispielsweise Leon Askin gewinnen und nach langer Zeit wieder nach Wien holen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Leon Askin lernte ich bei einem Festival persönlich kennen und habe ihn einfach gefragt, ob er in einem Film in Österreich mitspielen möchte - und er hat gesagt: warum nicht? Dann habe ich für ihn das Drehbuch umgeschrieben weil die Rolle des Großvaters, die Askin dann spielte, ursprünglich eine Großmutter war.

Apropos Großeltern: Sie schreiben, dass Sie Ihre Kinoleidenschaft nicht zuletzt Ihrer Großmutter zu verdanken haben. Als Sie vier Jahre alt waren, hat Ihre Großmutter Sie mit ins Kino genommen, was wohl für beide Beteiligte ein Gewinn war, weil es damals für eine Frau tabu war, alleine ins Kino zu gehen . . .