- © epa/Anthony Wesley
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Einige wenige häufen unglaubliche Reichtümer an, für viele andere sind die Zeiten sehr schwer. Ganze Länder leiden unter fehlgeleiteter Politik der Vergangenheit, aber auch Marktkräfte, die manchmal nicht kontrolliert werden können, setzen diesen Ländern zu."

Und: "Wir können uns kein Wirtschaftsmodell leisten, in dem Exzesse widerspruchslos toleriert werden, dass sich ganz und gar auf die Selbstregulierungskräfte der Märkte verlässt und in dem Einzelne glauben, dass alles erlaubt ist und es keine Grenzen gibt."

Diese Sätze stammen von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Er sprach sie vor der Katholischen Akademie Bayern, die sie 2013 publizierte. Womit klarer wird, warum Draghi vom protestantischen Deutschland in Gestalt der Bundesbank so gerne kritisiert wird - er ist katholisch erzogen und verhält sich auch so.

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Das alles hat mehr mit dem Jahr 2015 zu tun, als es den Anschein hat. Da eine Jahresvorschau in prognostischem Zustand stattfindet, ist der Schritt zur Astrologie nicht weit - und das Jahr 2015 steht im Zeichen des Jupiter: Dieser gilt als Glücksplanet. Er schärft aber auch den Blick aufs Wesentliche, dazu gehört in dieser Welt auch die Religion.

Und da diese Welt Gott immer weniger Platz einräumt, stoßen andere Werte dazu. Geld etwa, das mittlerweile annähernd religiösen Charakter hat. Die Hohepriester des Geldes sind die Zentralbanker, so wie Draghi einer ist. Und an den Zentralbankern wird es auch 2015 liegen, wohin sich die Welt, wohin sich Europa entwickelt. Die US-Notenbank Federal Reserve wird 2015 wohl die Zeit des geschenkten Dollar-Geldes beenden und die Zinsen erhöhen. Die EZB dagegen wird sie nahe null beibehalten.

Walter

Schön und gut, aber was hat das alles mit uns zu tun? Nun, mehr als die meisten bereit sind anzuerkennen. Höhere Zinsen in Dollar werden bedeuten, dass die US-Währung wohl aufwerten wird, da das große Geld dieser Welt gerne risikolos höhere Zinsen kassiert. Umgekehrt betrachtet bedeutet es, dass der Euro fällt - in Richtung Parität, also 1:1 zum Dollar. Wer die Eurozone nicht verlässt, wird unmittelbar nichts davon bemerken. Wer in einer Firma arbeitet, die in die USA exportiert oder wenigstens auf Dollar-Basis Rechnungen stellt, wird auf großzügigere Chefs treffen, denn diese verdienen plötzlich besser.

Das klingt ganz nach dem Glücksplaneten Jupiter, und die Freude könnte in Österreich sogar noch weitergehen. In der Prognose 2015 ist eine Steuerreform vorgesehen, welche die Lohnsteuer reduziert. Wer sich nun in der Vorfreude gleich ein neues Auto kaufen möchte, sollte sich keinen Lada bestellen. Russland steht nicht so gut da, dass dort Ersatzteil-Fabriken pleitegehen, ist immerhin möglich. Außer, Präsident Wladimir Putin besinnt sich 2015 eines Besseren. Er muss es ja nicht Draghi gleichtun und katholisch werden. Aber Vernunft wäre schon etwas, und dazu gehört die Zuwendung zur ganzen Welt. Russland versucht, die EU- und US-Sanktionen mit einer stärkeren Hinwendung nach Asien auszugleichen.

Da Politik auch etwas mit Überzeugung zu tun hat, stellt sich hiebei die Frage, wer sich zuerst bewegt. Das kann dauern, zu lange manchmal. Es kommen also die Zentralbanker wieder ins Spiel. Denn die Notenbanker, Zwitterwesen aus Politik und Bankwesen, sind die Einzigen, die funktionierende internationale Beziehungen unterhalten. Wenn die Nato keine Ahnung hat, welche russischen Kampfflugzeuge und U-Boote gerade unterwegs sind, so weiß EZB-Chef Draghi mit hoher Sicherheit, was die Chefin der russischen Nationalbank, Elwira Nabiullina, vorhat. Wenn sich US-Präsident Barack Obama bei China beschwert, weil dessen Kurs gegenüber Nordkorea einigermaßen undurchschaubar ist, so weiß die Chefin der Fed, Janet Yellen, was der Vorsitzende der Chinesischen Volksbank, Zhou Xiaochuan, so alles plant.

Die Zentralbanker treffen sich nicht nur beim Internationalen Währungsfonds, sondern auch in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, wo sie alle im Verwaltungsrat sitzen. Die BIZ ist die Bank der Zentralbanken, sie macht Goldgeschäfte, sie macht Regeln - und sie hat den globalen Überblick über die Finanzströme. Und wenn das nicht ausreicht, kommen die Zentralbanker in ausgewählten privaten Lobby-Organisationen wie der "Atlantik-Brücke", der "Group of Thirty", der "Trilateralen Kommission" oder bei gegenseitigen Einladungen zu Seminaren zusammen.

In der globalen Wirtschaft sind die Zentralbanker besser vernetzt als die Politiker. Wenn also - wie in der EU geschehen - Regierungschefs keine Entscheidung treffen, dann rückt die EZB aus und pumpt (mit freundlicher Unterstützung der US-Notenbank) Milliarden in die Banken, um sie am Laufen zu halten.

Das kann kritisiert werden, aber so ist es gewesen. 2015 stehen die Notenbanker, wie sie auch bezeichnet werden, da diese Institute die Banknoten drucken und mit ihren monetären Instrumenten die Geldmenge steuern - vor einer neuen Herausforderung. Sie machen Inflation oder unterdrücken sie - das ist viel Macht. 2015 werden sie noch mehr Macht erhalten, denn in der Eurozone hat die EZB auch die Bankenaufsicht übernommen. Der sogenannte Stresstest für 130 Großbanken hat ja im vergangenen Oktober für viel Aufsehen gesorgt.