Der Pessimist: Wissenschaftsjournalist Matt Riedley schreibt in "The Rational Optimist", dass das 21. Jahrhundert eine wunderbare Zeit zu leben sein wird. Schön wär’s! Ich halte es da eher mit Vaclav Smil und seinem Buch "Global Catastrophes and Trends - The Next Fifty Years". Er beschreibt die ökonomischen Konsequenzen unserer überalternden Gesellschaften, die Gefahr des islamischen Fundamentalismus und des Klimawandels. Sicher, es macht mehr Spaß, ein Optimist zu sein. Doch wie lautet das Motto des britischen Premiers Benjamin Disraeli: "Prepare for the worst and hope for the best." ("Bereite dich auf das Schlimmste vor und hoffe das Beste.") Nur wer die Gefahren kennt, kann versuchen, Katastrophen zu verhindern.

Diverse Enthüllungen haben die Globalisierung in ein negatives Licht getaucht. Off-Shore-Steuerparadiese für Superreiche oder Steuerschlupflöcher für Konzerne in Luxemburg oder Irland verstärken den Eindruck, dass nur einige wenige profitieren. Das zeigt auch die Debatte rund um das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP).

Der Optimist: Die Debatte um TTIP ist in Europa aus dem Ruder gelaufen. Diskutiert wird nur noch über Chlorhühner, Hormonfleisch und blinde Datensammelwut. Die Tatsache, dass Freihandel Wohlstand schafft, ist aus dem Blick geraten. Von einem Abbau von Zöllen, Handelshemmnissen und unnötigen Vorschriften profitieren alle Beteiligten, das belegen unzählige Studien seit Adam Smith. Dass Europa dabei nicht widerstandslos jede US-Position übernimmt, die mit europäischen Vorstellungen im Widerspruch steht, ist logisch. Dafür sind Verhandlungen ja da.

Der Pessimist: Bei TTIP geht es doch vor allem darum, dass die Bürger das Gefühl haben, die Handelspolitik werde der demokratischen Mitbestimmung entzogen. Ein Vorschuss-Misstrauen ist sehr wohl gerechtfertigt. Dass das bisschen mehr an Mitwirkungsmöglichkeiten in Europa mit TTIP verschwinden könnte, ist ein weiterer Grund, warum breite Schichten dieses Abkommen ablehnen. Die Menschen befürchten, dass die Allmacht der Konzerne durch dieses Abkommen noch erweitert wird. Das Investitionsschutzabkommen ist das perfekte Symbol dafür, was bei TTIP schiefläuft: Das Recht ist dazu da, die Schwachen vor den Starken zu schützen und nicht umgekehrt.

Bei der Debatte um die Steuerleistungen geht es im Kern um die Frage, ob wir uns nicht in einen ruinösen Wettbewerb manövriert haben, von dem Konzerne und Superreiche auf Kosten der Allgemeinheit profitieren.

Der Optimist: Dass ein Konzern, der Milliarden-Gewinne schreibt, dank solcher Methoden am Ende weniger als ein Prozent Steuern zahlt, ist inakzeptabel. Allerdings waren es die Staaten, die diese Möglichkeiten geschaffen und anschließend damit geworben haben. Es liegt an der EU und an den betroffenen Staaten, das zu ändern. Daraus allerdings die Forderung nach einem Ende des Standortwettbewerbs abzuleiten, wäre ein Fehler. Wettbewerb ist ein zentraler Faktor - er sorgt dafür, dass Monopole verhindert werden, Konsumenten Produkte zum bestmöglichen Preis-Leistungs-Verhältnis erhalten und auch Staaten Steuergeld effizient einsetzen. Dieser wirtschaftliche Druck auf die öffentliche Hand ist manchen aus grundsätzlichen Gründen ein Dorn im Auge, weil er zur Evaluierung staatlicher Leistungen zwingt. Aber genau deshalb ist Wettbewerb so wertvoll. Und Wettbewerb hilft Staaten, bestehende Standortnachteile zu kompensieren.

Der Pessimist: Worin, bitte, liegt der Standortnachteil Luxemburgs oder der Schweiz? Wie ist zu rechtfertigen, dass Irland massive EU-Hilfen kassiert, zu denen Österreich und Deutschland beitragen, und dann Beihilfe leistet, dass diesen und anderen EU-Nettozahlern Steuern entgehen? Zudem gilt auch hier: Man kann Irlands periphere Lage auch so sehen: Das Land kann eine Rolle als Transatlantik-Brückenland spielen. Beim Trittbrettfahrer Schweiz ist der Fall am schlimmsten: Das Land profitiert von der Lage inmitten der Europäischen Union, des - noch - wichtigsten Wirtschaftsblocks. Der Beitrag der Schweiz dazu ist äußerst bescheiden, aber Steueroptimierern - um das böse Wort Hinterzieher zu vermeiden - stehen die ehrenwerten Banker, Steuerberater und Rechtsanwälte von Zürich über Basel bis Genf willfährig zu Diensten.

Der Optimist: Der Erfolg der Schweiz beruht zur Hauptsache auf einer hochgradig wettbewerbsfähigen High-Tech-Industrie, einer schlanken, effizienten Verwaltung und einer langen Geschichte ohne Krieg. Was Luxemburg oder Irland angeht, so sind Steuerschlupflöcher dieses Ausmaßes tatsächlich inakzeptabel. Aber deswegen das Prinzip des Standortwettbewerbs in Europa abzuschaffen, etwa über Einführung einheitlicher Steuersätze, wäre fatal. Vor allem die Länder und Regionen mit Nachholbedarf sind darauf angewiesen, und in den wohlhabenderen Staaten führt es dazu, dass Steuern nicht nach Belieben erhöht werden können.

Nicht leugnen lässt sich das Erstarken nationalistischer Politik. Auf globaler Ebene verfolgen China, Russland oder auch Japan ihre nationalen Interessen mit zunehmender Härte; und in Europa erleben wir eine Renaissance nationalistischer Bewegungen. Schotten, Katalanen und Flamen streben nach Unabhängigkeit, fast überall feiern nationalistische Parteien Wahlerfolge, etwa Ukip in England, Jobbik in Ungarn, die Lega Nord in Italien, der Front National in Frankreich oder die FPÖ in Österreich.

Der Optimist: Ja, all das gibt es, nur kann ich beim besten Willen keinen Zusammenhang zwischen der russischen und chinesischen Außenpolitik und dem Erstarken populistischer Bewegungen in Europa erkennen. Wenn man alles über einen Kamm schert, verstellt sich einem der Blick auf notwendige Differenzierungen. Wenn Schotten, Flamen oder Katalanen nach Unabhängigkeit streben, ist das etwas grundsätzlich anderes als die Wahlerfolge des Front National, von Jobbik oder der FPÖ. Erstere sind ausdrücklich pro-europäische, in der Regel Mitte-Links-Bewegungen, die weg von einem ungeliebten Zentralstaat wollen. Die anderen sind erklärte Gegner des europäischen Integrationsprozesses, deren Aufstieg sich dem Niedergang der etablierten Parteien verdankt. In Frankreich etwa scheitern abwechselnd bürgerliche und linke Präsidenten darin, das Land zu reformieren; Italiens Politik ist von Grund auf dysfunktional. Wenn die etablierten Parteien versagen, haben Populisten aller Schattierungen Rückenwind.