Es schneit nicht mehr, schon lange nicht, vielleicht nie mehr? Die Luft ist klar und rein, da es kaum noch CO2-Belastung gibt.

Nach der furchtbaren Hitzewelle im Jahr 2020 und den folgenden sintflutartigen Regenfällen hatte sich die Stadt radikal verändert. Wegen der Bodenversiegelung gingen die Straßenkanäle über - Wien hatte schon Ähnlichkeit mit Venedig angenommen - und es mussten wieder Oberflächen geschaffen werden, die Wasser aufnehmen können.

Die Klimaforscher hatten diese Maßnahme zur Aufnahme der Niederschlagsmengen schon lange vorher gefordert. Die Mediziner empfahlen Pflanzen und Wasser zur Abkühlung der überhitzten Bürger. Also wurden endlich unter dem Druck der Gesundheitsexperten alte städtische Träume wahr: Der Donaukanal weist jetzt wieder Trinkwasserqualität auf und ist zum Badefluss geworden. Der Wienfluss ist ein Naherholungsgebiet mit Schwimmbecken und Schwimmstegen in bereichsweise aufgestauten Zonen, so wie Jahrzehnte vorher bereits geplant, aber aus Angst vor schnell steigenden Wasserpegeln nicht weiter verfolgt. Die Gefahr der großen Wassermenge im Flussbett durch unvorhersehbare, lokale Platzregen ist durch die Bodenentsiegelung gebannt. Die Bootsfahrten vom Stadtrand bis zur Mündung in den Donaukanal sind inzwischen so beliebt, dass manche statt mit dem Rad entlang des Wienflusses mit dem Paddelboot zur Arbeit fahren.

Viele Straßen sind zu grünen Alleen mit angenehmen Aufenthalts- und Fortbewegungsbereichen für Fußgänger und Radfahrer geworden, gesäumt von vertikalem Grün. Neu errichtete Häuser haben grüne Dächer und Fassaden, da Balkone zu vertikalen Gärten wurden. Auch bestehende Gebäude sind hinter nachträglich angebauten und von Pflanzen überwucherten Balkonen verschwunden. Gebäude, die von einer Architekturkommission bestehend aus der MA 999 und beigezogenen Experten als "nicht stadtbildrelevant" befunden wurden, sind zur Begrünung freigegeben. Die Stadt ist seither viel leiser geworden mit Vogelgezwitscher statt Autolärm, lautlosen Straßenbahnen, gemeinschaftlich genutzten Elektroautos und mitten auf der Straße spielenden Kindern . . .

Eine Gruppe von Planerinnen hatte sich bereits im Jahr 2014 einige zukunftsweisende Fragen gestellt und sich erstmals als Urbanistinnen und urbane Archäologinnen betätigt: "Wie steht es um das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit in welchen städtischen Räumen? Welche individuellen und kollektiven Bedürfnisse sind in öffentlichen und privaten Räumen zu erfüllen?"

Windkraft und Photovoltaik, die Energieerzeuger der Zukunft. - © dpa/Weihrauch
Windkraft und Photovoltaik, die Energieerzeuger der Zukunft. - © dpa/Weihrauch

Mögliche Antworten auf diese Fragen blieben 2014 unbeantwortet, doch die Unsicherheit wurde weniger als Problem denn als produktive Herausforderung begriffen und folgende Prognose gestellt: "Relativ sicher ist, dass mehr ältere Menschen als heute in den Städten leben werden, individuelle Lebensstile bei gleichzeitigem Wunsch nach Gemeinschaft wichtig bleiben und kulturelle, wirtschaftliche, politische und soziale Vielfalt in der Stadt durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland städtische Räume prägen wird. Für diese komplexen urbanen Zukunftsperspektiven lässt sich Stadt schwer neu erfinden. Eher gilt es, bestehenden, jedoch vielfach vergessenen oder übersehenen urbanen Reichtum zu entdecken und daraus innovative Ideen für zukünftige Gestaltungsoptionen an spezifischen Orten zu entwickeln und umzusetzen." So begeben sich die urbanen Archäologinnen seither auf die Suche nach Schnittstellen öffentlicher und privater Stadträume, die Potenziale für zukunftsfähige Nutzungen enthalten.

In Wien leben inzwischen drei Millionen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Altersgruppen. Es gibt allerdings viel mehr junge und ältere Menschen als noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Diese demografischen Veränderungen hatten massive Auswirkungen auf die Gestaltung der öffentlichen Räume und der Gebäude, die alle barrierefrei umgestaltet wurden; enge Gehsteige und schräg parkende Autos gehören der Vergangenheit an.

Stadtplaner, Architekten und Künstler tragen aktiv zur Gestaltung der Stadt als Ganzer und des täglichen Lebens im Lokalen bei. Die Menschen stehen im Zentrum aller Überlegungen und Planungen in Stadt und Land. Die Stadtplanung im 20. Jahrhundert hatte zur Trennung von Wohnen und Arbeiten, zum Traum vom Einfamilienhaus und damit zur Förderung von Lebensweisen, die den Energiekonsum und den Zeitaufwand für tägliche Verrichtungen steigern, geführt. Es gab in der Geschichte Wiens mehrere Phasen, in denen ein zaghafter Paradigmenwechsel möglich schien, in den 1920ern, 1960ern und 1970ern; aber erst im 21. Jahrhundert fand ein Umdenken in der Raum- und Stadtplanung statt.

Es waren einerseits pragmatische Gründe wie die Reduktion des Zeitaufwandes für tägliche Wege, aber auch gesellschaftliche Phänomene, wie die leistungsfähige und engagierte ältere Generation oder mehrheitlich berufstätige Frauen, die zur Abkehr vom System langweiliger Speckgürtel und monofunktionaler Vorstädte führten. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten wurde obsolet, die Stadt der kurzen Wege Realität. Soziale und kulturelle Zentren sind in unmittelbarer Nähe von Wohn- und Arbeitsorten. Dies führte einerseits zu Konzentrationen an öffentlich gut erreichbaren Standorten und andererseits zur Verödung von schlecht erschlossenen, von Einfamilienhäusern geprägten Gebieten. Aber es sind nicht nur flexible Öffnungszeiten, breite Wege, Rampen und Aufzüge, die allen das tägliche Leben erleichtern, auch der Straßenverkehr wurde sicherer. Es ist kaum noch vorstellbar, dass noch 2015 Fußgänger an geregelten Kreuzungen von unachtsamen Autofahrern verletzt wurden.