Inzwischen fährt niemand mehr Auto. Erst wurde Fracking wegen hoher Verluste eingestellt, dann das globale Ölfördermaximum "Peak Oil" erreicht. In Folge explodierten die Ölpreise, und der Individualverkehr wurde unleistbar. Europas Produzenten hatten die Entwicklung von Elektro- und Brennstoffzellenautos verschlafen und wurden trotz Vorwarnungen von den Ereignissen überrascht. Da die großen Hersteller nicht nur die Lizenzen und Patente für Elektromotoren an China verkauft, sondern auch ihre fähigsten Ingenieure dorthin entsandt hatten, wäre die einzige Lösung gewesen, E-Autos aus China zu importieren, wogegen sich aber die EU querlegte.

Auch zwei weitere Entwicklungen waren ausschlaggebend: Einerseits hatte die Stadt Wien das U-Bahn-Netz massiv ausgebaut und neue Metrobusse nach Vorbild Curitibas auf den ehemaligen Stadtautobahnen eingeführt. Andererseits gab es aufgrund der veränderten Einstellung einer neuen Generation gar keinen Bedarf mehr an Autos. Ab 2025 waren die autoaffinen Babyboomer alt geworden und hatten ihre Führerscheine abgegeben, während bei der nachfolgenden Generation Autofahren als uncool galt.

Dieses radikal veränderte Mobilitätsverhalten hatte dramatische Auswirkungen auf die Straßenräume: Die mehrspurigen Straßen mit breiten Fahrbahnen und Parkplätzen waren nicht mehr nötig, es fuhren ja nur noch Einsatz- und Nutzfahrzeuge, E-Taxis, E-Togos und E-Bikes. Privat genutzte Verkehrsflächen wurden zu öffentlichen Freiräumen und attraktiven Aufenthaltsräumen; versiegelte Abstandsflächen zu Vorgärten; grüne Restflächen zu lauschigen Stadtgärten; Sackgassen zu kleinen Plätzen; Nebenstraßen zu Wohnhöfen.

Die Gehsteige wurden zur allgemeinen Aneignung freigegeben und durch Möbel und Pflanzen "wohnlich" gemacht. Diese Pufferzone wertete die Erdgeschoßlokale dahinter dermaßen auf, dass unterschiedlichste Nutzungen möglich wurden: Ateliers, Läden, Heimbüros, Wohnungen. An südseitige Erdgeschoßlokale wurden Gewächshäuser angebaut, die seither zur lokalen Versorgung mit Gemüse beitragen.

Der 1. Bezirk hat sich durch den Abzug der Luxusbranche gravierend verändert. Manche Hausbesitzer realisierten den Wandel rechtzeitig und setzten wieder auf Geschäfte für den lokalen Markt. Andere ignorierten ihn zu lange und wurden kalt erwischt, die Erdgeschoßflächen standen leer. Nach einer Zeit des Zuwartens entstanden dort aber belebte Lokale und interessante Wohnungen, Quartiertreffpunkte, Nachbarschaftscafés, Schlechtwetterspielräume oder Geschäfte des täglichen Bedarfs.

Alle Geschäfte bieten einen kostenlosen Lieferservice an - da die meisten Leute nicht mehr im Internet bestellen, sondern die lokalen Geschäfte wieder unterstützen, ist das leistbar geworden. Das Umdenken begann, als sich die lokalen Einzelhändler im Netz zusammenschlossen und auf Internetsuchen der Kunden rasch reagieren konnten, das gesuchte Produkt wurde seitdem nicht nur mit dem Preis, sondern mittels "Location Based Technology" im nächstgelegenen Geschäft angezeigt. Seit 2025 macht auch niemand mehr Fernreisen, einerseits haben die Kerosinpreise Langstreckenflüge unerschwinglich gemacht, andererseits ist Wien dank des milden Klimas und mit all den Freizeitangeboten zur Abenteuerstadt geworden.

Windkraft und Photovoltaik, die Energieerzeuger der Zukunft. - © dpa/Weihrauch
Windkraft und Photovoltaik, die Energieerzeuger der Zukunft. - © dpa/Weihrauch

Der Ausstieg aus fossiler Energie ist geschafft. Die Stadt Wien ist inzwischen energieautark. Die Fassaden neuer Gebäude sind dank Photovoltaik zu Stromerzeugern geworden. Alte Bürohausfassaden wurden durch Pholtovoltaikfassaden ersetzt, Pholtovoltaikpaneele und Windturbinen auf Hausdächern tragen ebenfalls zur Stromerzeugung bei. Windräder entlang der Donau und in vielen exponierten Freibereichen, zum Beispiel in Aspern, setzen längst neue Akzente in der Skyline Wiens.

Hochhäuser sind zunehmend als die geeignete Bauform erkannt worden, um ausreichend Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen. Sie sind sehr belebt, da die unterschiedlichsten Nutzungen wie Wohnungen, Büros, Geschäfte, Sozial- und Kultureinrichtungen, dort gemischt Platz finden. Die Türme werden nicht mehr mit undifferenzierten glatten Fassaden, sondern mit Vor- und Rücksprüngen sowie abgerundeten Formen, um die Winde abzuschwächen, intensiv begrünten Balkonen und Terrassen sowie Photovoltaikfassaden und Windturbinen gebaut. Auf Terrassen und Dächern, in Vorgärten, Parks und Grünflächen gedeihen Obst und Gemüse.

Eine neue Berechnungsmethode fördert Investitionen, die Gebäude zukunftsfitter machen, zum Beispiel flexibel für Umnutzungen, experimentell, energieautark, oder einen positiven Beitrag zum Stadtklima leisten, etwa durch grüne Oasen auf Dächern und Terrassen. Auf die Lebensdauer eines Gebäudes berechnet, machen diese Investitionskosten im Vergleich zur Erhaltung und Bewirtschaftung lediglich wenige Prozent aus. Seit dieser Entscheidung haben sich die innovativen Leistungen rasant gesteigert. Die Gebäude österreichischer Architekten sind noch visionärer, unterschiedlicher und inspirierender geworden.

Die Wertschöpfung ist weitreichend, die Wirtschaft wurde belebt, da viele lokale Firmen, etablierte sowie neu gegründete, ihre innovativen Produkte am heimischen Markt einsetzen können. Die internationale Anerkennung führte zum bahnbrechenden Erfolg, dank der Kombination kreativer mit technischer Innovationen, unter anderem im Holzbau oder bei Plusenergiehäusern.

Der positive Beitrag künstlerischen Schaffens und Gestaltung für die Gesellschaft wurde erkannt und führte zu einer erhöhten Wertschätzung. Viele Kunstakademien wurden gegründet, alle Museen können ohne Eintritt besucht werden.

Die Donaubrücken, zum Beispiel die Nordbrücke und die Floridsdorfer Brücke, wurden teilweise in grüne Brücken umgewandelt; da sie keine dynamischen Lasten mehr zu tragen hatten, konnten Erdkörper aufgebracht und Bäume gepflanzt werden. Diese Grünbrücken wurden zu beliebten Erholungsräumen, da man auf ihnen wunderschöne Sonnenuntergänge betrachten und an heißen Tagen wie auf einem Schiff die Brise genießen kann. Einige, etwa die Reichsbrücke, wurden zu bewohnten Brücken mit Leichtbauten aus recyceltem Stahl und Holz, die nur von Menschen bewohnt werden dürfen, die sie selbst errichtet haben. Der Selbstbau und eine neue Geschicklichkeit für das Handwerk haben massiv zugenommen.

Neue Brücken zum Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Ausgehen verbinden beide Donauufer. Waren solche "Brückengebäude" Ende des 20. Jahrhunderts noch Vision, sind sie 2050 zur Realität geworden.

Silja Tillner wurde 1960 in Wien geboren. Sie ist Geschäftsführerin der Architekten Tillner & Willinger ZT GmbH und Mitglied des Fachbeirats für Stadtplanung und Stadtgestaltung in Wien.