Die Kunst der Gegenwart lebt auf. Immer mehr - und vor allem immer reichere - Menschen investieren in Werke lebender Künstler und Künstlerinnen. Diese sind gern gesehene Gäste auf Partys für sehr wichtige Personen. Kunstmessen werden vom Publikum überlaufen, dazu kommen unvorstellbare Wertsteigerungen. Dem Kunstmarkt geht es, entgegen allen Prognosen, gut. Und dennoch: Die Unsicherheit ist groß. Wird es so weitergehen? Wie lange noch? Und was kommt danach?

Die im Jahr 2008 ausgelöste Finanzkrise, gemeinhin auch Wirtschaftskrise oder einfach nur Krise genannt, hat vieles verändert. Für die meisten hat sie weniges zum Guten verändert. Übrig geblieben sind Austeritätsprogramme und eine wachsende Kluft zwischen Armut und Reichtum, durchwegs problematische Phänomene, mit deren Auswirkungen und Folgen noch Generationen nach denjenigen, die die Krise verursacht haben, zu kämpfen haben werden.

Entgegen anderen Erwartungen beziehungsweise Befürchtungen, je nach Standpunkt der Betrachtung, hat die Krise kein Gesundschrumpfen des ins Unermessliche gewachsenen Finanzmarktes verursacht, keine Bändigung des wild gewordenen Kapitalismus und keine Rückbesinnung auf die "wahren Werte", auf Einfachheit und Genügsamkeit, auf Ehrlichkeit und inhaltliche Substanz. Auch in der Kunstwelt nicht. Ganz im Gegenteil: Es wird teurer gekauft und verkauft als vor 2008, offenbar ist mehr Geld im Umlauf denn je. Wohl auch angefeuert durch die über viele Kanäle verbreitete Annahme, dass die Blase am Kunstmarkt sich ins Endlose ausdehnen könne, ohne jemals zu platzen, investieren einige Menschen ihr Geld lieber in Kunst als in zuvor als verlässlich geltende Anlagewerte wie Immobilien, Gold oder Aktien. Die Insel Gegenwartskunst werde von einem Tsunami an Kapital überschwemmt, heißt es seitens der Kunstmarkt-Beobachter, das Kapital kommt aus neuen Märkten, das Geld von neuen Kunstliebhabern.

Walter

Der Kunstmarkt ist ein Markt, der nach eigenen Regeln funktioniert. Wer in einem Bereich als Investorin oder Unternehmer erfolgreich ist, muss noch lange nicht auch mit dem Handel von Gegenwartskunst ähnlich hohe Margen erzielen. Angebot und Nachfrage stehen in einem anderen Verhältnis zueinander als auf anderen Märkten. Werke alter Meister sind in Museen untergebracht, in Depots gebunkert oder im Kunsthandel im Umlauf - es tauchen nicht täglich neue Originale auf. Lebende Künstlerinnen und Künstler hingegen können produzieren, was von ihnen verlangt wird. Wenn sie es alleine nicht schaffen, dann heuern sie Mitarbeiter an und bauen ihre Ateliers aus, manchmal zu fabriksähnlichen Produktionsstätten. Was wann für wie viel und an wen verkauft wird, liegt im Ermessen der Galerien, die Künstlerinnen und Künstler nicht nur am Kunstmarkt vertreten und ihre Werke Kunden anpreisen, sondern auch größere Produktionen mitfinanzieren und generell darauf achten, dass alles gut läuft.

Was den Kunstmarkt auch noch von anderen Märkten unterscheidet, ist ein schöngeistiges Verständnis für die Materie, das man bei Rohstoffen oder Finanzprodukten weniger braucht. Die Tugend der Leidenschaft für die schönen Künste, die durch aufwendige Sehübung erworbene Fähigkeit, gute Kunst von schlechter zu unterscheiden, Wertschätzung für ein Bild an sich - jenseits von Auktionsergebnissen oder Galerienpreisen. Immer noch wird diese Eigenschaft von "wahren" Sammlern hochgehalten, diese Unterscheidung vom raffgierigen Investor, der dem vulgären Vergnügen nachgeht, mit Kunst zu spekulieren, sie allein wegen ihrer Wertsteigerung zu lieben.

In ihrer kürzlich in der Edition Suhrkamp erschienenen Streitschrift "Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld" schreiben Markus Metz und Georg Seeßlen: "Die Bank, die Kunst als Visitenkarte versteht, und der hoffnungsfrohe junge Besserverdienende, der sich das Kunstwerk passend zur Wandfarbe sucht, entsprechen einander perfekt." Und weiter: "Auf dem Weg von der Innenwelt der Superreichen in die Einfamilienhäuser der Gewinner-Mittelständler wird die Kunst buchstäblich zur Konfektionsware. Die Kunst soll zum Lebensstil und zur Einrichtung passen, aber auch zum indirekten Selbstbildnis des stolzen Besitzers taugen. Man ist nicht mehr so sehr von der Macht der Kunst fasziniert als vielmehr davon, wie man Macht über sie bekommen kann: Kunst ist der neueste verheißungsvolle Planet der ‚inneren Landnahme‘ des Kapitalismus geworden."

Geschmack ist irrelevant, Expertise ist käuflich, und wer keinen Platz im Loft in Manhattan und auch nicht im Chalet in Südfrankreich hat, der lagert die erworbene Trophäe einfach ein. Für einen Künstler ist es nicht wünschenswert, wenn seine Arbeit im Lager landet, ebenso wenig, wie wenn sie weiterverkauft wird. "Ideal ist, man kauft es, man hängt es an die Wand, und da bleibt es", meinte der britische Künstler Damien Hirst in einem Interview.

Selbst seinem einstigen Unterstützer, dem schwerreichen britischen Sammler Charles Saatchi, der den üblen Leumund hat, Künstler zu fördern und zu pushen, um ihre Arbeiten dann gewinnbringend abzustoßen, sind die Auswüchse des Kunst-Investments zu viel geworden. In einem Kommentar im "Guardian" schrieb er 2011, dass sogar ein Angeber wie er selbst die neuen superreichen Kunstkäufer ordinär und deprimierend oberflächlich finde: "Gibt es jemanden unter ihnen, der es genießt, Kunst zu betrachten? Oder genießen sie es einfach, Besitzer zu sein von leicht identifizierbarer Markenzeichen-Kunst, die sie in großkotzigen Auktionsräumen für atemberaubende Summen gekauft haben, um ihre Häuser und Yachten damit zu dekorieren?"