Die Raffgier der superreichen Jung- und Altsammler kommt freilich nur wenigen Künstlern zunutze. Einer von ihnen, nämlich Hirst, spielt mit den Regeln des Kunstmarktes und hat versucht, sie - zu seinen finanziellen Gunsten - mitzubestimmen. Zumindest zweimal hat er damit Kunstgeschichte geschrieben und zumindest einen Weltrekord gebrochen. Zuerst mit seiner Arbeit "The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living" ("Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden"), einem in Formaldehyd eingelegten Hai, der als Ikone der britischen Kunst der 1990er Jahre gilt. Saatchi hatte Hirst 1991 eine Carte Blance als Auftrag in der Höhe von 50.000 britischen Pfund geboten, und Hirst gab ihm dafür den eingelegten Tigerhai. Schon damals drehte sich die öffentliche Debatte vor allem um das Thema: Ist das Kunstwerk so viel Geld wert? Immer mit dem dieser Frage oft beiwohnenden Nachsatz, das könne ja jeder machen. 2004 wurde der Hai übrigens von Steven A. Cohen erworben, einem US-Unternehmer und Hedgefonds-Milliardär, der Anteile am Auktionshaus Sotheby’s hält. Für 6,5 Millionen Pfund.

Walter

Hirsts zweites Werk, das viel diskutiert und als Wendepunkt im Kunsthandel interpretiert wurde, hieß "For the Love of God" ("Für die Liebe Gottes"). Es ist ein mit 8600 reinen Diamanten besetzter Platin-Abguss eines menschlichen Schädels mit echtem Gebiss. Über den Verkauf des Schädels, dessen Edelstein-Materialwert mit etwa 14 Millionen britischen Pfund angegeben wurde, gab es in den Medien viele Spekulationen. 50 Millionen Pfund sollte das Werk kosten, über potenzielle Käufer wurde spekuliert, schließlich wurde kein Abnehmer gefunden. Hirst gab an, ein Zehntel gehöre der White Cube Gallery, ein Drittel einem Konsortium an Investoren, der Rest sei in seinem eigenen Besitz.

Hirst, längst zum schwerreichen Unternehmer avanciert, hatte also in seine eigene Kunst investiert, ebenso wie er in den vorhergehenden Jahren Anstrengungen unternommen hatte, seine eigenen frühen Arbeiten zurückzukaufen, um Herr über seinen eigenen Marktwert zu werden, Händler, Produzent, Agent in einem.

Das dritte Werk, "Beautiful Inside My Head Forever" ("In meinem Kopf für immer schön"), war eine Auktion in London, mit der Hirst sämtliche Regeln des Kunsthandels auszuhebeln versuchte. Der Umstand, dass diese Auktion genau an jenem Tag stattfand, an dem die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz beantragen musste, nämlich am 15. September 2008, trug zur Marke und zum Mythos Damien Hirst bei.

Der Künstler hatte gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Geschäftsführer Frank Dunphry eine so reizvolle wie dreiste Idee gehabt: Die Kunsthändler sollten umgangen werden und das Kaufbedürfnis der Sammler - mit Schwerpunkt auf russischen Oligarchen, amerikanischen Hedgefonds-Managern und neureichen Asiaten - auf direktem Weg und ohne Mittelsmänner befriedigt werden. 223 neue, eigens produzierte Kunstwerke warf Hirst auf einen Schlag auf den Markt. Vieles hatte man in ähnlicher Form in den vorhergehenden Jahren bereits von ihm gesehen, so waren fünf eingelegte Haie dabei und nicht weniger als 84 Variationen des Mosaiks aus Schmetterlingsflügeln aus Hirsts Repertoire.

Die Versteigerung ging höchst erfolgreich über die Bühne, obwohl Hirsts alte Sammler und Galeristen der branchenunüblichen Veranstaltung fernblieben, nicht mitboten und somit auch nicht einem eventuellen Preisverfall durch Mitbieten Einhalt gebieten hätten können. Und sie hinterließ die Frage, welche Auswirkungen das Spektakel auf den Kunstmarkt haben würde. Eine Woche nach der Auktion merkte die Theoretikerin Germaine Greer in einem Artikel im "Guardian" an: "Damien Hirst ist eine Marke, denn die Kunstform des 21. Jahrhunderts ist Marketing. Eine derart starke Marke auf einem so offensichtlich fadenscheinigen Grund aufzubauen, ist immens kreativ - sogar revolutionär."

Der Kunstmarkt hat nach 2008 zwar Einbrüche erfahren, auch wenn keiner der Beteiligten das zugeben wollte, doch seit einigen Jahren geht es wieder rasant bergauf. Zumindest für jene Künstler, die den Markt bedienen und in der oberen Preisklasse mitmischen können. Das sind sehr wenige. Und ein rascher Aufstieg garantiert noch lange keine solide Laufbahn. Für neue Sammler - denn neben den aufstrebenden Künstlern und den aufstrebenden Märkten, etwa der Bric-Staaten, gibt es wohl auch aufstrebende Sammler, Menschen mit viel Geld, aber nicht notwendigerweise viel Ahnung von Kunst - sind auch weniger jene Künstlerinnen und Künstler interessant, die von Galerien und Institutionen über mehrere Jahre unterstützt und aufgebaut wurden und ihre Qualität unter Beweis gestellt haben. Es sind auch nicht jene, die gerade erst ins Geschäft eingestiegen und deren Preise entsprechend moderat sind.

Interessant ist für Spekulanten vielmehr eine Gruppe männlicher Künstler unter 35, die als Stars gehandhabt werden und sich auch so verhalten, die sich mit den richtigen Leuten auf den richtigen Partys blicken lassen, sich dabei manchmal wie Rabauken benehmen, aber doch im Grunde handzahm sind. Künstler, die Loft-taugliche Gemälde mit hohem Wiedererkennbarkeitswert produzieren, den Markt damit nicht überschwemmen, aber sich von diesem auch nicht zurückziehen und bereit sind, gewisse Marktregeln nicht in Frage zu stellen.

Studiert man die Listen jener Künstler, deren Werke jetzt gekauft werden sollen oder deren Marktwert bereits im Abstieg begriffen ist, dann gibt es wiederkehrende Kennzeichen. Eine Biografie könnte etwa so aussehen: Der Künstler wurde 1985 geboren. Er studierte in London und absolvierte ein Gastsemester in Düsseldorf, ehe er an einem renommierten College in den USA seinen Kunstabschluss machte. Das Studium - und dazugehörige Eskapaden - finanzierten die Eltern, ebenso die folgenden Lehr- und Wanderjahre. Letztere bestanden vor allem darin, zu wichtigen Art-Events zu reisen, mehrere Monate in New York zu leben, dort wichtige Kontakte und das Image zu pflegen, nebenher auch ein bisschen Kunst zu machen, viel zu feiern und dieses glamouröse Leben in sozialen Netzwerken zu dokumentieren, begleitet von rüden, umgangssprachlichen Kommentaren.