Die einzige Serie, die damals den ersten kleinen, aber signifikanten Schritt zu mehr Realismus setzte, spielte wie "I love Lucy" in New York. Mit der Appetitlichkeit der Upper East Side hatten "The Honeymooners" wenig zu tun. Jackie Gleason versuchte als kinderloser Busfahrer im damaligen Arbeiterbezirk Brooklyn, mit allerlei schwindligen Nebengeschäften zu Geld zu kommen, zum Leidwesen seiner gut geerdeten Ehefrau, die seinen regelmäßigen Wutausbrüchen mit einem für die Zeit bemerkenswerten Sarkasmus begegnete. Was heute als Kultserie gilt, wurde seinerzeit nach nicht einmal zwei Jahren (1955 und 1956, 39 Folgen) eingestellt. Schwarze kamen freilich auch darin kaum vor.

Ein gutes Zehntel der Bevölkerung völlig ignorieren konnte man dann aber doch nicht. Den Anfang machte die nach der Protagonistin, einer schwarzen Köchin bei einer weißen Familie, benannte und heute weitgehend vergessene Serie "Beulah, Queen of the Kitchen" (1950 bis 1952, drei Staffeln). Parallel dazu lief "Amos’n’Andy" (1951 bis 1953), ein Machwerk von noch zweifelhafterer Natur: Ende der 1920er hatten zwei weiße Schauspieler eine sogenannte Minstrel-Show (ein extrem rassistisches Varietékonzept aus dem 18. Jahrhundert, in dem schwarz angemalte Weiße Afroamerikaner spielten) aufs Radio übertragen, die nun fürs Fernsehen adaptiert wurde. Dass die Charaktere zweier Farmarbeiter aus dem Süden, die in Chicago ein neues Leben beginnen wollten, in der TV-Version von Schwarzen dargestellt wurden, änderte wenig an der teils offen rassistischen Tendenz.

. . . Bill Cosby (links) wurde durch "I Spy" zum ersten schwarzen Serienstar . . . - © Corbis
. . . Bill Cosby (links) wurde durch "I Spy" zum ersten schwarzen Serienstar . . . - © Corbis

Erst ab Mitte der 1960er wurden die bis dahin klar gezogenen Trennlinien aufgeweicht. Geradezu revolutionär war das Konzept von "I Spy" (ab 1965). Darin kämpfte Robert Culp als CIA-Spion auf der ganzen Welt gegen die Handlanger Moskaus. Zur Seite stand ihm ein Kollege, der zum ersten schwarzen Megastar aufstieg: Bill Cosby. Dieser wehrte sich gegen den Vorschlag der progressiven Produzenten, seine Hautfarbe ab und an zum Thema zu machen: Seine Philosophie der "Farbenblindheit", die ihren Höhepunkt in seinem größten Erfolg "The Cosby Show" (1984 bis 1992) erfuhr, behält er bis heute bei.

Zeitgleich verlagerte sich in den 1960ern die ländliche beziehungsweise suburbane Sitcom zunehmend in die Zentren der Städte. Hatten Lucy und Ricky zwar auch in New York gelebt, aber dort im Grunde ein ebenso züchtiges wie überschaubares Leben geführt wie die Cleavers, ging das Ensemble des größten 1960er-Serienhits, der "Dick van Dyke Show" (1961 bis 1966), einen Schritt weiter. Zwar blieb auch hier alles im Rahmen - der vom titelgebenden Star gespielte Rob Petrie, Gagschreiber einer Comedy-Show, ist ebenfalls ein treusorgender Ehemann -, aber die Pointen kamen irgendwie unpolierter, schneller, cooler daher.

Wem das zu viel war, der schaltete auf "I Dream of Jeannie" ("Bezaubernde Jeannie", 1965 bis 1970) mit Larry Hagman in seiner ersten Hauptrolle, die Verloren-auf-einsamer-Insel-Klamotte "Gilligans Island" oder die erfolgreichste "Rural Sitcom" des Jahrzehnts um: die "Andy Griffith Show", die das "Leave it to Beaver"-Konzept von 1960 bis 1968 fast bis ins Absurde weiterdrehte. Motto: Wollt ihr die totale heile Welt? Der Namensgeber der Serie, den spätere Generationen als altersweisen Anwalt "Matlock" (1986 bis 1995) kennenlernten, spielte den Sheriff einer fiktiven Kleinstadt in South Carolina, wo die (Nachkriegs-)
Zeit stehengeblieben zu sein schien. Wie die Cleavers lebte die Serie von der totalen Ignoranz der Welt außerhalb des Studios, was sehr gut ankam.

Gesellschaftskritik in mehr oder minder sanften Dosen - auch wenn das zur Zeit der Erstausstrahlungen noch nicht so interpretiert wurde, sondern erst später - bot bis Ende der 1960er fast ausschließlich die Serienware, die in fernen Galaxien spielte. Dass es von "Star Trek" (ab 1966) überhaupt drei Staffeln gab, war einzig den jungen Fans zu verdanken. Die starteten, als NBC die Einstellung nach 55 Folgen bekanntgegeben hatte, eine erfolgreiche Kettenbriefaktion zur Rettung. Weniger erfolg-, aber nicht minder einflussreich war Rod Serlings Science-Fiction-Serie "The Twilight Zone" (1959 bis 1964), ein bis heute sehenswertes, aus voneinander unabhängigen Episoden bestehendes Werk, an dem spätere Bestseller wie Richard Matheson und Charles Beaumont mitschrieben.

Mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er einher ging das US-Fernsehen trotzdem nur gaaanz langsam. Die direkte Linie, die von "Leave it to Beaver" zur "Andy Griffith Show" und, mit Abstrichen, zu Dick van Dyke geführt hatte, fand in den 1970ern ihre Fortsetzung in der "Brady Bunch" ("Drei Mädchen und drei Jungen", 1969 bis 1974). Mochten Innenstädte brennen und US-Söhne zu Abertausenden in Südostasien verrecken: Im fiktiven Vorort von Los Angeles, wo es sich die Familie Brady eingerichtet hatte, schien verlässlich die Sonne, und jede noch so große Missetat der sechs Kinder fand am Ende Vergebung.

Einzig der Umstand, dass Vater und Mutter Brady bis zur Hochzeit alleinerziehend waren (Mike Bradys erste Frau war unter ungeklärten Umständen verstorben, das Schicksal von Carol Bradys Ex-Mann ist bis heute unklar), wurde als Zugeständnis an die Zeit gewertet. "Brady Bunch"-Erfinder Sherwood Schwartz bekannte später, die Idee sei ihm zwar angesichts der damaligen Lebenswirklichkeiten amerikanischer Familien gekommen - Ende der 1960er lebten in rund einem Drittel der Ehen Kinder aus vergangenen Beziehungen -, aber die Prämisse, dass eine der beiden Hauptfiguren geschieden sein sollte, wollten weder er noch das Studio riskieren. Die schweigende Mehrheit, die den Republikaner Richard Nixon zweimal ins Weiße Haus wählte, machte die "Brady Bunch" (die zeitgleich mit seiner Präsidentschaft begann und im Jahr seines Rücktritts wegen der Watergate-Affäre eingestellt wurde) zum Riesenerfolg.