Die Spur der Revolte und der daraus hervorgehenden Liberalisierung der US-Gesellschaft war in den 1970ern endlich auch im wichtigsten nationalen Medium auszumachen. Erstmals hielt so etwas wie Realismus Einzug in die Wohnzimmer, und sein Bannerträger hieß Norman Lear. Wobei - ein Umstand, der heute gern unter den Tisch gekehrt wird - seine bekanntesten Werke bloße Abkupferungen waren. "All in the Family" mit dem Unterschicht-Archetypen Archie Bunker als Protagonisten und "Sanford and Son" mit dem schwarzen Komiker Redd Foxx in der Hauptrolle basierten beide auf britischen Vorbildern ("Till Death Us Do Part" und "Steptoe and Son", beide zwischen 1962 und 1975 von der BBC produziert).

Die Verdienste des heute 92-jährigen Lear um den gesellschaftlichen Fortschritt im Fernsehen schmälert das indes kaum. Mit weiteren Erfindungen wie "Good Times" und "The Jeffersons" etablierte er Afroamerikaner als quasi ganz normale TV-Helden, während er mit "One Day at a Time" alleinerziehenden Müttern und mit "Maude" selbständigen, starken Frauen Denkmäler setzte.

Der Durchbruch bei der Veränderung weiblicher Stereotype hatte zum Zeitpunkt des Beginns der Ära Lear aber schon stattgefunden. In der "Mary Tyler Moore Show" hatte erstmals in der amerikanischen Fernsehgeschichte eine kinderlose Frau in ihren 30ern das Sagen und brauchte keinen Mann, um privat wie beruflich voranzukommen (daraus ging unter anderem das Spin-off "Lou Grant" hervor, das von 1977 bis 1982 vor der Kulisse einer Zeitungsredaktion spielte). Auch das moderne Cop-Drama veränderte sich in den 1970ern: Erhob Peter Falk als "Columbo" (1971 bis 1978) das Aufklären von Morden zur Kunstform, so verhandelte der glatzköpfige Telly Savalas als "Kojak" (1973 bis 1978) in bis dahin nicht für möglich gehaltener Art regelmäßig Polizeigewalt und andere Kompetenzüberschreitungen.

Mit der TV-Adaptierung von Robert Altmans Kriegssatire "M*A*S*H" (1972 bis 1983) und den genialen Wahnsinnigkeiten Andy Kaufmans und des jungen Danny de Vito in "Taxi" (1978 bis 1983) kamen weitere Meilensteine einer Epoche hinzu, in der sich die Fernsehgewohnheiten so deutlich veränderten wie nie zuvor. Die Sehnsucht eines großen Teils des Publikums nach totaler Idylle blieb trotzdem auch da nie ungestillt.

Neben dem ab 1972 ausgestrahlten "Little House on the Prairie" ("Unsere kleine Farm") mit Michael Landon trieben auch ein ganzes Jahrzehnt lang die "Waltons" ihr Unwesen. Die Saga einer armen, auf einem Berg in Virginia lebenden Großfamilie während der Zeit der Großen Depression, deren Erlebnisse vom ältesten Sohn ("Gute Nacht, Johnboy") schriftlich festgehalten werden, genießt bis heute Kultstatus - unter evangelikal Bewegten. Nicht umsonst hat seit 1991 die vom früheren Pfarrer und Ronald-Reagan-Berater Pat Robertson gegründete Christian Coalition die Rechte an den "Waltons".

Die Wahl des ersten Schauspielprofis zum US-Präsidenten markierte auch im Fernsehen eine Zeitenwende. War der immense Erfolg von "Dallas" (1978 bis 1991) noch mit ungewöhnlichem Setting und spannenden Drehbüchern erklärt worden, war spätestens Mitte der 1980er klar, dass die texanische Familien-Kabale nur die Speerspitze eines tiefgreifenden Kulturwandels dargestellt hatte. Reaganomics im Fernsehen, das waren die Abenteuer des schönen und reichen Amerika von Aaron Spelling mit "Dynasty" und "Hart to Hart" ("Hart aber herzlich"), sowie des "Waltons"- und "Falcon Crest"-Erfinders Earl Hammer.

Ebenso unvergesslich Glen A. Larsons Testosteron-geladenen Macho-Possen "The Fall Guy" ("Ein Colt für alle Fälle") mit Lee Majors als Stuntman Colt Sievers, "Magnum P.I." mit Tom Selleck und "Knight Rider" mit David Hasselhoff sowie Anthony Yerkovichs "Miami Vice". Das Einzige, was vom geistigen Erbe des Realisten Norman Lear in den 1980ern übrig geblieben schien, war die Cop-Serie "Hill Street Blues" ("Polizeirevier Hill Street"). Die wurde zwar bei der Erstausstrahlung kaum beachtet, gilt aber bis heute als Blaupause für jene Serien, die eine Dekade später Furore machten: "NYPD Blue", "Law and Order", "Homicide" (das Debüt des "The Wire"- und "Treme"-Erfinders David Simon) und die Krankenhausserie "Emergency Room".

Reagans erklärte Lieblingsserie war aber eine andere: "Family Ties" ("Familienbande") mit Michael J. Fox als unerträglichen, einzig auf Geld und Gold bedachten Möchtegern-Yuppie, der seine Hippie-Eltern mit demonstrativ zur Schau gestelltem Materialismus nervte. Der Präsident liebte die Serie so sehr, dass er den Produzenten sogar einen Gastauftritt anbot (sie lehnten dankend ab).

. . . Ed O’Neill trat als Al Bundy in Archie Bunkers Fußstapfen und prägte 45 Jahre TV-Geschichte mit. - © Corbis
. . . Ed O’Neill trat als Al Bundy in Archie Bunkers Fußstapfen und prägte 45 Jahre TV-Geschichte mit. - © Corbis

Dass das mit den sogenannten Trickle-Down-Economics gestern wie heute einen Schmäh darstellt, schlug sich erstmals 1987 nieder, als über Nacht eine neue TV-Familie zu Amerikas Lieblingen wurde: Ed O’Neill läutete mit "Married with Children" ("Eine schrecklich nette Familie") als Familienvater Al Bundy in bester Archie-Bunker-Tradition die Renaissance der Unterschicht-Sitcom ein. Kurz darauf folgten Roseanne Barr und John Goodman in "Roseanne" sowie "The Wonder Years" ("Wunderbare Jahre") mit allzu süßen und milden 1960er-Reflexionen.

Und dann waren die 1980er plötzlich vorbei, und die Serienlandschaft bekam eine neue Dynamik, nicht zuletzt dank der mittlerweile erstarkten Kabel- und/oder Pay-TV-Sender, allen voran HBO. Die 1990er begannen trotzdem mau. Der erste großer Hit wurde das High-School-Drama "Beverly Hills 90210", die letzte große Erfindung Aaron Spellings, der später erzählte: "Ich bekam einen Anruf vom Fox-Chef, und er sagte: ‚Ich möchte, dass du dir was mit Kids ausdenkst, die noch in die High School gehen.‘ Worauf ich sagte: ‚Okay, aber was bitte weiß ich in meinem Alter über High-School-Kids?‘ Darauf er: ‚Du hast zwei Kinder im High-School-Alter, du Idiot.‘" (Seine Tochter Tori spielte übrigens in der Serie mit - heute füllt sie mit Alkohol- und Drogenexzessen die Klatschspalten.) Die kaum überzeichnete Darstellung der (gefühlten) Probleme von Kindern reicher Eltern blieb ein Einzelfall. David Lynchs "Twin Peaks" (1990) wurde, obwohl von Kritikern gefeiert, nach nur zwei Staffeln und 30 Folgen eingestellt.