Nach dem Sieg im Kalten Krieg gehörte das erste US-Fernsehjahrzehnt ganz den Singles: "Murphy Brown", "Ellen", "Seinfeld", "Friends", "X Files" ("Akte X"), "Sex and the City" - eine Zeit lang schien Amerika keine intakte Familie mehr sehen zu wollen; nur noch halb- und wirklich lustige Frauen und Männer, die in kein traditionelles Schema passten. Befreit von jeglichen Konventionen und getrieben vom Mut zur Nische, schien das erste Mal wirklich alles möglich.

Nahezu alles, was danach kam, baute auf dieser Explosion der kreativen Postmoderne auf. Die 2000er mit ihren Cop-Dramen nach Kammerspielart ("The Shield"), ihren mafiösen Familiengeschichten ("The Sopranos") bis zu "The Wire" "Mad Men" und den ewigen moralischen Dilemmas (Saufen im Dienst oder nicht? Die Ehefrau bescheißen oder nicht? Meth kochen oder nicht?) lieferten erste Glanzstücke dessen, was wir heute als goldenes neues Fernsehzeitalter kennen - und bereiteten auch den Boden für neue alte Ansätze wie "Modern Family" (darin haben, angeführt vom unverwüstlichen Ed O’Neill, schwule Eltern ebenso Platz wie altmodische Heteros).

Wie sich eine reiche Geschichte wie diese und ihre jeweiligen Rollenmodelle heute einfach ausblenden lassen, wird wahrscheinlich für immer Bill O’Reillys Geheimnis bleiben. Nur so viel sei der Ordnung halber gesagt: Die Wiedereinführung der Einkommensteuersätze aus der Zeit von "Leave it to Beaver" würden Barack Obama und die Demokraten nicht einmal mit einer absoluten Mehrheit wagen. Topverdienern wurde in den USA der 1950er rund ein Drittel ihres Lohns abgezogen, Unternehmen gar die Hälfte ihrer Profite. Präsident war damals der Republikaner Dwight Eisenhower.

Klaus Stimeder wurde 1975 in Schärding/Inn geboren und lebt als Autor und Journalist in New York. Er war Außenpolitikreporter und hat das Monatsmagazin "Datum" gegründet.