Eine Bedrohung für Europa? Wohl kaum. Diskussionsbedarf in Bezug auf den Islamgibt es trotzdem. apa/Pfarrhofer
Eine Bedrohung für Europa? Wohl kaum. Diskussionsbedarf in Bezug auf den Islamgibt es trotzdem. apa/Pfarrhofer

Denn natürlich handelt es sich bei den Extremisten um eine verschwindende Minderheit, doch für einen Terroranschlag genügt es allemal. Die islamischen Organisationen werden sich unangenehmen Fragen aussetzen müssen, denn hier liegt eine Wurzel der Angst. Die diversen Erscheinungsformen des Islam verschwimmen in Europa - diese Weltreligion bekommt insgesamt das Fett ab.

Andere Religionsgemeinschaften haben jedes Interesse, dass sich diese Menschen so schnell wie möglich integrieren - und zu dieser Integration gehört schlicht das Bekenntnis zu den bürgerlichen Freiheiten, wie sie Europa kennt und sich blutig erkämpft hat.

Es scheitert bisher am Wie. Die einen fordern, dass sich Staat und Religion noch strikter trennen müssten. Das würde freilich auch das seit 1933 gültige Konkordat zwischen Österreich und dem Vatikan auf den Prüfstand stellen. Wenn etwa jegliche muslimische Äußerung in den Schulen verboten würde, müssten verfassungsgemäß auch die Kreuze abgehängt werden. Und der (christlich dominierte) Religionsunterricht müsste in einen allgemeinen Ethikunterricht transformiert werden. Diese Debatte gab es bereits vor der großen Flüchtlingswelle, und die Kämpfer gegen Kirchenprivilegien werden sie wohl auch jetzt wieder aufs Tapet bringen. Politisch hat diese Debatte in Österreich aber keine Chance.

Die Frage, wie man es denn mit Religion und Staat hält, wird 2016 trotzdem üppig beleuchtet werden. Denn Österreich wählt im Frühjahr einen neuen Bundespräsidenten, und dabei werden natürlich grundsätzliche Verfassungsthemen behandelt. Religion wird (neben der Frage, ob die verschiedenen Kandidaten auch FPÖ-Chef HC Strache als Bundeskanzler angeloben würden) angesichts der Islam-Diskussion eine gewichtige Rolle spielen.

Da der Umgang mit muslimischen Mitbürgern mittlerweile die Stammtische erreicht hat und von Halbwissen und Vorurteilen geprägt ist, ist das ein argumentatives Minenfeld. Wir dürfen gespannt sein.

Eine sachliche Diskussion angesichts der hohen Zahl an muslimischen Flüchtlingen - hat die überhaupt eine Chance? Nach den Terroranschlägen in Paris bedurfte es erheblicher Anstrengungen, eine Vermischung mit dem Flüchtlingsthema zu vermeiden.

Ein zweites Mal wird dies kaum gelingen. In Frankreich war schon bei den jüngsten Regionalwahlen zu sehen, dass die von Ex-Staatspräsident Nicolas Sarkozy geführten konservativen Republikaner recht ungeniert Forderungen und Wortwahl des extrem rechten Front National übernommen haben. In Bayern poltert der Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer vor sich hin. Und in Österreich erfindet die FPÖ "Dschihadisten-Kindergärten".

2016 wird die Islam-Debatte also auch umgekehrt wirken. Selbst etablierte politische Kräfte werden das Religionsthema für ihre Zwecke missbrauchen. In Polen gehen extrem nationalistische Überlegungen und orthodoxer Katholizismus Hand in Hand. Die Kirche mag damit wenig Freude haben, und Kardinal Schönborn fand ja deutliche Worte gegen osteuropäische Politiker, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollten.

Allerdings nutzen auch sozialdemokratische Politiker die Angst vor dem Islam für ihre Zwecke. Sie stellen aber keinen Glauben, sondern einen autoritären Staat als Gegenmodell dar. Von welcher Seite die bürgerlichen Freiheiten eingeschränkt werden, ist zwar nicht egal, aber im Endeffekt dasselbe. Religion dient als Begründung, wenn auch nur als vorgeschobene.

Liberale (im besten Sinne) Politiker werden versuchen, die Debatte selbst zu führen und die Themen vorzugeben. Nur mit einer richtigen "Erzählung" wird es möglich sein, Ressentiments in der Bevölkerung zu reduzieren. Ob die europäische, aber auch die jeweils nationale Politik dazu in der Lage ist, muss allerdings in Zweifel gezogen werden.

Der Islam wird 2016 unbeliebter sein denn je

Ohne ein Prophet zu sein, lässt sich sagen, dass der Islam wohl als Religion in Europa 2016 unbeliebter denn je sein wird. Das allerdings birgt die Gefahr, dass jene tatsächlich vorhandenen Parallelgesellschaften, die sich hinter mehr oder minder obskuren Koran-Auslegungen verstecken, Zulauf bekommen werden. So etwas nennt sich dann "selbst erfüllende Prophezeiung".

Zur Trennung von Staat und Kirche wird folglich auch gehören, politische von religiösen Themen säuberlicher zu trennen als bisher. Der syrische Bürgerkrieg lässt sich auch als Kampf um die politische Vorherrschaft in dieser Region zwischen arabischen Saudis und persischen Iranern definieren. Das im Iran gesprochene Farsi ist eine indogermanische Sprache, Arabisch ist eine semitische Sprache. Es gibt folglich massive kulturelle Unterschiede. Nicht alles lässt sich auf einen inner-islamischen Konflikt reduzieren.

Eine solche Differenzierung wäre hilfreich, um Druck aus dem Kessel zu nehmen. Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien und der Zentralrat der Juden in Deutschland haben vor der hohen Zahl an zuwandernden Muslimen gewarnt, weil diese aus Ländern kommen, die Juden und dem Staat Israel ausgesprochen feindselig gegenüberstehen. In Europa soll dieses Feindbild dann einfach verschwinden? Oder: Muslimische Väter wollen nicht, dass ihre Söhne von Lehrerinnen unterrichtet werden. Im Klartext: Frauen spielen im Islam keine Rolle.

Beide Themen gelten für eine verschwindend geringe Minderheit der muslimischen Mitbürger, aber sie regen alle anderen furchtbar auf. Natürlich wäre es nicht akzeptabel, wenn Muslime in Wien Juden anpöbeln oder Kinder nicht in die Schule schicken würden, weil dort Frauen unterrichten. Hier sind die Behörden gefragt, deutlich vorzugehen. Polizei, Schul- und Jugendbehörden. Die gibt es aber schon. Aber daraus einen Generalverdacht gegen den Islam konstruieren?