Die Politik wird sich daher im Jahr 2016 nicht nur vom Blickwinkel der Integration aus den Religionen zu nähern haben. Jede Religion hat in orthodoxer Ausprägung autoritäre Züge. Die sind generell in Frage zu stellen. Immerhin will das Judentum die Welt nicht missionieren, Christentum und Islam schon. Gleichzeitig sind die Perücken orthodoxer jüdischer Frauen eigentlich nichts anderes als das Djibab (Kopftuch) islamischer Frauen. Die Bedeckung der sinnlichen Haare steht auch im Talmud.

Ein Staat, der alle Religionen gleich behandelt, muss daher alle religiösen Gesetze in Frage stellen, wenn er der Meinung ist, dass persönliche Freiheiten eingeschränkt werden. Das ist bisher gar nicht passiert, der Zustrom so vieler muslimischer Flüchtlinge zwingt die Debatte nun auf. Ob diese besonders klug geführt werden wird, muss - wie gesagt - leider bezweifelt werden. Die Lust nach einer Schlagzeile gewinnt immer öfter gegen die seriöse Sachdiskussion.

Genau das wäre aber beim heiklen Thema Staat und Religion notwendig. Scientology ist eine anerkannte Kirche in Österreich, aber als Parallelgesellschaft konzipiert. Die Zweite Republik hat sich bisher vor einer tiefen Debatte, was Staat und was Religion sein soll und darf, herumgeschwindelt. Nun ist es damit vorbei. Wenn die Religionsgemeinschaften weise sind, beginnen sie selbst damit. Nicht in ökumenischen Expertenrunden, sondern - bildlich gesprochen - auf dem Viktor-Adler-Markt.

Immerhin haben Judentum, Christentum und Islam eine gemeinsame Wurzel. Und die Republik hat eine Verfassung, die vor allem eines ist: unveräußerlich.