Hat der Präsident also alles im Griff? Ist Russland gar nicht so schwach, wie viele westliche Beobachter vermuten, die abwechselnd den hochgerüsteten Moskauer Dämon an die Wand malen und über dessen Großmachtambitionen spotten? Könnte Russland nicht trotz der langfristigen Abwärtstrends doch wenigstens mittelfristig als Großmacht reüssieren?

Es sieht nicht so aus. Die Machtstellung des Kremls ist extrem gefährdet. Moskaus Achillesferse ist die Wirtschaft: Seit der Sowjetzeit wurde sie kaum modernisiert. "Russland produziert nichts außer Rohstoffen und Waffen", sagt Sicherheitsexperte Unterseher der "Wiener Zeitung".

Das Schicksal des Landes und seiner Führungselite hängt immer noch fast ausschließlich von den Rohstoffpreisen ab. In den 1980er Jahren gelang es den USA, die konkurrierende Supermacht Sowjetunion, schon damals eine Rohstoffmacht, über einen niedrigen Ölpreis in den Ruin zu treiben. Das heutige Russland ist von den Preisen am Ölmarkt noch abhängiger als der einstige Sowjetstaat. Rund die Hälfte der Haushaltseinnahmen stammt aus unterschiedlichen Energiesteuern. Bei jeder Schwankung des Ölpreises um nur einen Dollar verliert - oder gewinnt, je nachdem - der russische Staat 2 Milliarden Dollar an Einnahmen.

Russland hat zuletzt in erster Linie verloren

In letzter Zeit - genauer: seit der Ukraine-Krise - hat Russland in erster Linie verloren: Die Stabilität, die Putin seiner Bevölkerung nach den chaotischen 1990er Jahren beschert hat, fußte auf hohen Erdölpreisen von über 100 US-Dollar pro Barrel. Seit Februar 2014 ist der Erdölpreis in den Keller gerutscht. Mittlerweile kostet das Barrel weniger als 40 Dollar. Manche rechnen sogar mit Erdölpreisen von 20 Dollar pro Barrel. Für die russische Führung wäre das ein extremer Härtetest: Präsident Putin hat 2012, im Wahlkampf vor Beginn seiner dritten Amtsperiode, vieles versprochen, unter anderem mehr Sozialausgaben und höhere Pensionen - damals aber bei einem Ölpreis von mehr als 100 Dollar.

Mittlerweile hat sich die Lage gewandelt, ist Putin zur Geisel seiner eigenen Zusagen geworden, die er nunmehr nur noch schwer erfüllen kann. Bleibt es beim niedrigen Ölpreis - und es sieht ganz so aus -, dann wird es wohl spätestens 2017, vor den Präsidentenwahlen, Kürzungen geben müssen. Ein Szenario, das Putin alles andere als recht sein kann: Bei den hohen Ausgaben fürs Militär zu sparen, will und kann er sich im geopolitischen Kräftemessen mit den USA nicht leisten. Bei den Pensionen - oder den teils hoch verschuldeten Regionen - zu kürzen, könnte seine Wiederwahl gefährden. Und ein Nachgeben in der Ukraine, eine Beilegung des Konflikts mit dem Westen würde Putins wichtigstes politisches Atout, sein Sieger-Image, zerstören.

Im Jahr 2016 dürfte der Kreml nach Ansicht von Beobachtern noch alles unter Kontrolle haben: Zu hoch ist das Rating des Präsidenten, zu unbekannt die Opposition, als dass sich bis zu den Parlamentswahlen im Herbst eine Alternative zum gegenwärtigen Kreml-Kurs auftäte. Aber dann? "Es könnte die Zeit kommen, in der, wie man in Russland sagt, der Kühlschrank über den Fernseher siegt", umschreibt Russland-Experte Gerhard Mangott ein mögliches Szenario, in dem der Unmut der Bevölkerung so groß würde, dass den staatlichen Medien nicht mehr geglaubt wird. Für Putin wäre es fatal, wenn dieser Zeitpunkt vor den nächsten Präsidentenwahlen im Jahr 2018 eintritt. Dass Wahlen in Russland trotz immer wiederkehrender Fälschungsvorwürfe nicht ganz ohne Bedeutung sind, zeigt der Umstand, dass die Parlamentswahlen im kommenden Jahr von Dezember auf September vorverlegt wurden: In der warmen Jahreszeit dürfte es der Opposition nur schwer gelingen, die Menschen gegen den Kreml zu mobilisieren.

Doch wer sagt eigentlich, dass von einem Unmut im Volk nur die prowestlichen, liberalen Teile der Opposition profitieren - und nicht andere? "Die russische Gesellschaft ist konservativer und auch chauvinistischer als ihr Präsident. Russland wird sich in kein Merkel-Russland verwandeln, so sehr man sich das hier auch wünschen mag", diagnostiziert der Historiker und Russland-Kenner Jörg Baberowski.

Tatsächlich waren die Regimegegner rund um Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow bei ihren Kundgebungen immer auch auf die Unterstützung russisch-nationaler Kreise wie der Nationalbolschewiken angewiesen. In TV-Debatten zwischen Liberalen und konservativen Kräften - in Russland zählen Sowjet-Nostalgiker ebenso zu den Konservativen wie Verehrer des alten, zaristischen Russland - finden Letztere stets mehr Zuspruch im Fernsehpublikum. Der Liberalismus mit seinen bürgerlichen Freiheiten ist in Russland ein sehr zartes Pflänzchen - kein Wunder: Ein Bürgertum ähnlich dem im Westen gibt es in Russland nicht, hat es nie gegeben. Während sich im Westen mit dem Aufkommen der Städte schon früh erste Ansätze von demokratischen Ordnungen zeigten, blieb in Russland die Gesellschaft immer vom starken Staat überformt.

Der Staat, seine Macht und Größe ist für viele Russen ein wichtiger Bezugspunkt - das hat sich auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht geändert. Psychologisch befindet sich Russland heute in einer ähnliches Situation wie Deutschland oder Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg: Das so mächtige Reich ist zerbrochen - noch dazu ohne Krieg, was die "Dolchstoßlegenden" nach 1991 sprießen ließ. Während die "Sowjetmenschen" in den anderen Republiken an ihre nationalen Identitäten, an die Erzählungen von heroischer Wiederauferstehung anknüpfen konnten, war Russland das, was übrigblieb - der Rest. Und dieser Rest, vor kurzer Zeit noch eine Supermacht, musste sich auch noch gegen seine eigene Auflösung stemmen: Die Völker des Kaukasus strebten nach Unabhängigkeit, selbst die Tataren, seit Jahrhunderten mit den Russen verschmolzen, testeten die Grenzen des Möglichen aus. Der Zerfall Russlands schien nahe. Was tröstete, war allein die Aussicht, vom Westen als Partner akzeptiert zu werden - und der Traum vom Wohlstand. Selbst die Popgruppe Lube, Putins Lieblingsband, besang kurz nach 1991 das neue Ideal der Demokratie.