Es ist ja nicht so, als ob es nicht noch Momente der guten alten Zeit gäbe. Anfang Dezember etwa. Da war die offizielle Republik für einmal mit sich im Reinen. Die ÖVP hatte zum 60er Reinhold Mitterlehners geladen - und für einen Abend rückten alle Probleme in den Hintergrund. Nicht nur, dass der einst rote Bundespräsident die Laudatio auf den schwarzen Vizekanzler hielt; vom Kanzler abwärts machte das gesamte rote Regierungsteam dem ÖVP-Obmann seine Aufwartung, Sozialpartner inklusive. Es menschelte zwischen Rot und Schwarz und man feierte nicht nur einen runden Geburtstag, sondern durchaus auch sich selbst.

Warum auch nicht, dachten sich wohl die Anwesenden, zumal es ja sonst keiner macht und die Vergangenheit schließlich alles andere als schlecht war. Es ist die unmittelbare Gegenwart und absehbare Zukunft, die verunsichern: 2016 wird die Arbeitslosigkeit wohl erstmals die Marke von 500.000 reißen. Beim Wachstum hinkt das Land seit Jahren den Besten hinterher. Und dann sind da noch die großen Krisen unserer Zeit: Flüchtlinge, Terrorismus, Klimawandel, Euro.

Die guten Nachrichten, die es daneben trotzdem gibt, haben gegen die Wucht des Negativen keine Chance. Die Republik ist auf Depression gepolt, und weit und breit ist nichts und niemand in Sicht, der das zu ändern vermöchte. Tiefenverunsichert sind nicht nur die Bürger, sondern auch die Politiker selbst. Darüber kann man sich wunderbar lustig machen, muss es aber nicht. Natürlich lassen sich die Krisen der Gegenwart zum Politikerversagen verniedlichen. Nach dieser Lesart würde es reichen, die alten Köpfe durch neue zu ersetzen, und schon ließen sich die Probleme bewältigen. Das ist nicht völlig ausgeschlossen - wie ja heutzutage praktisch nichts mehr völlig ausgeschlossen werden kann -, aber sehr wahrscheinlich ist es eben auch nicht. Die Probleme reichen weit tiefer in den politischen Körper des Landes hinein. Und dies vor allem aus einem Grund: Zu viel Neues ist entstanden, mit dem der bestehende Organismus der Republik immer weniger zu Rande kommt. Natürlich gibt es daneben Kontinuitäten zuhauf, strukturelle wie institutionelle, doch das Neue gewinnt zunehmend die Oberhand.

Kontinuitäten und Brüche: So haben Historiker die politische und soziale Geschichte Österreichs in den vergangenen 150 Jahren beschrieben und analysiert. Die Wurzeln der drei großen Parteien reichen in die 1880er Jahre zurück, Teile unserer Verfassung sind sogar noch älter; die Brüche waren zwei Weltkriege, zwei Diktaturen (obschon von unterschiedlicher Qualität) und zwei Republiken. Deren zweite kann mittlerweile auf eine höchst erfolgreiche Geschichte von sieben Jahrzehnten zurückblicken. Kein Wunder, dass die Rede von einem neuerlichen Bruch wenig populär ist, ja sogar auf offenen Widerstand stößt. So sehr haben wir uns als politische Gemeinschaft nach einer Erfolgsgeschichte gesehnt, dass diese nun, da sie endlich da ist, nicht quasi über Nacht über Bord werfen wollen.

In den Köpfen der Menschen ist das "Weiter so" deshalb allem Neuen hoffnungslos überlegen. Kontinuität heißt diese Sehnsucht. Ein neuerlicher "Bruch" würde die fortgesetzte Erfolgsgeschichte möglicherweise gefährden. Reformen, das schon, aber bitte im Rahmen des Bestehenden: Sozialpartnerschaft, Neutralität und große Koalition bilden die Dreifaltigkeit der Zweiten Republik.

Alle drei bestehen nach wie vor fort. Allerdings nicht mehr in ihrer einstigen Dominanz und Ausschließlichkeit. Die Sozialpartnerschaft der gesetzlichen Interessensvertretungen gibt nach wie vor den Spielraum vor, in dem sich SPÖ und ÖVP bewegen, aber die Kraft, den Sozialstaat einer grundlegenden Erneuerung zu unterziehen, hat sie nicht mehr. Die Neutralität ist irrelevant geworden, weshalb man wunderbar mit ihr leben kann und sie nicht einmal mehr abschaffen muss. Und alles, was man über die große Koalition von SPÖ und ÖVP sagen muss, ist, dass sie 2013 gerade noch 50,8 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen erhalten hat. Bezogen auf die Gesamtzahl der Wahlberechtigten vereinen Sozial- und Christdemokraten derzeit 37 Prozent der Stimmbürger hinter sich. In den Hochzeiten der Zweiten Republik waren es einst 90 und mehr Prozent. Eindringlicher lässt sich das Ausmaß an schleichender Veränderung nicht zusammenfassen. Und zu diesem innerösterreichischen Transformationsprozess kommen noch die europäische Integration und die globalen Verschiebungen hinzu. Kurz: Die Zweite Republik ist, vergleicht man sie mit ihren Anfängen, nicht mehr wiederzuerkennen.

Braucht Österreich ein neues politisches Kapitel?
Das wirft die Frage auf, ob es nicht an der Zeit ist, ein neues politisches Kapitel für Österreich aufzuschlagen: Ohne Krieg, Diktatur oder Revolution. Einfach so, durch die freie Willensentscheidung von Bürgern und Politik. Das jedoch ist hierzulande ein heikles Thema. Seit Jörg Haider Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts antrat, der rot-schwarzen Republik den Garaus zu machen und sich zum Herold einer Dritten Republik erklärte, ist das Thema parteipolitisch vergiftet. Und eindeutig negativ konnotiert.