Auf Muscheln, Gold, Papiergeld und Plastikkarten folgen Daten, danach Bitcoins, dann die eigene Reputation und am Ende schließlich die eigene DNS. Die wichtigste Währung in der digitalen Welt sind Daten. Die Daten der Anwender, um genau zu sein. Wer sich Dienste nicht mit Geld kaufen kann, kann diese unter Bekanntgabe seiner Daten dennoch kostenlos nutzen. Nicht nur Online-Medien funktionieren nach diesem Prinzip, auch eine ungeheuer große Anzahl von Apps - besser gesagt deren Entwickler - akzeptieren Daten als Zahlungsmittel.

Die schlimmsten Feinde in dieser digitalen Finanzwelt sind daher auch Datendiebe oder verstärkter Datenschutz. Das abgelaufene Jahr hat gezeigt, dass sowohl in puncto Datenschutz - man denke nur an die Klage gegen Facebook, das Ende des Datenabkommens Safe Harbour oder die neue EU-Datenschutzverordnung - als auch in Sachen Datendiebstahl die Herausforderungen enorm gewachsen sind. Es ist daher höchste Zeit, über andere Zahlungsmittel nachzudenken. Was kommt nach den Daten? Welche Währung wird in Zukunft in einer globalen Welt einen fixen Wert über Landesgrenzen, Wechselkurse und Börsencrashs haben? Eine sichere Währung, die unabhängig vom klassischen Banken- und Geldsystem existieren kann? Um diesem Gedankenexperiment Hand und Fuß zu geben, muss man sich den Wert des einzelnen Menschen und seiner Daten ansehen.

Nun denn, was also ist ein Mensch eigentlich wert? Die Antwort auf diese Frage gibt es nicht - zumindest nicht allumfassend. Es kommt stets auf den Blickwinkel an. Ein Chemiker würde einen Menschen wohl am günstigsten taxieren: viel Wasser, ein bisschen Zellulose, Eiweiß und Kalk - mehr als 15 Euro wird es dann wohl nicht sein. Wer keine Titanimplantate oder Goldfüllungen in den Zähnen hat, kann nicht auf mehr hoffen

Deshalb sind wahrscheinlich Versicherungsgesellschaften ein besserer Anhaltspunkt für die Bewertung des Wertes eines Menschen. In den USA rechnen diese mit 20.000 Euro als Startwert eines Neugeborenen, ein Zehnjähriger ist dann bereits 25.000 Euro wert. Wie viel ein Mensch wert ist, ergibt sich dabei aus den Kosten der Berufsausbildung und dem Einkommen. Schweizer Versicherungsgesellschaften berechnen den Wert eines Menschen aus dem Produkt des Jahreseinkommen und der Dauer der Berufstätigkeit in Jahren. Wer voraussichtlich vierzig Jahre arbeitet und dabei monatlich tausend Franken verdient, ist somit 480.000 Franken wert. Im britischen Gesundheitswesen werden Lebenschancen konkret berechnet. Als Basiswert gilt dabei für ein gesundes Lebensjahr ein Gegenwert von etwa 30.000 Pfund. All diese Summen werden in der Literatur als Wert des statistischen Lebens (WSL) bezeichnet und dieser Wert schwankt im internationalen Vergleich zwischen 9,7 Millionen Dollar (Japan),
7 Millionen Dollar (USA) und 1,2 bis 1,5 Millionen Dollar (Indien). Für Österreich und Deutschland liegt die ermittelte Zahl bei knapp 2 Millionen Euro.

Die Unterschiede der Lebenswerte lassen sich durch unterschiedliche Anwendungen der Methode, kulturellen Differenzen, aber vor allem durch abweichende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erklären. Der WSL-Ansatz und seine Weiterentwicklungen ist daher umstritten und kann als nicht ausgereift betrachtet werden.

Der Wert von Reproduktionsarbeit
Wer nun aber glauben will, dass der Wert des Menschen und dessen Berechnung Ausdruck einer überbordenden, neoliberalen Wirtschaftspolitik sei, der irrt. Vor knapp viertausend Jahren, im alten Babylonien, wird einem Mann der siebzehnfache Wert eines Mädchens zugesprochen, zumindest vermeldet dies die Bibel im dritten Buch Moses. Es hat sich also schon damals gezeigt, dass der Wert von Reproduktionsarbeit in einer patriachalen Herrschaftsstruktur nicht adäquat bemessen wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Rund 2000 Jahre später verriet Judas seinen Herrn für 30 Silberlinge, eine Summe, die unter Historikern als ungewöhnlich viel Geld für ein damaliges Menschenleben angesehen wird. Im germanischen Recht gab es Kompensationszahlungen an Familien, etwa bei Mord. Auch hier musste also ein Menschenleben in materiellem Wert gemessen werden. Ein afrikanischer Sklave soll in Nordamerika Mitte des 19. Jahrhunderts, rechnet man es auf den heutigen Geldwert um, etwa 40.000 Euro gekostet haben.

Während des Naziterrors in Europa gab es ebenfalls entsprechende, widerwärtige "Berechnungstabellen". Im Konzentrationslager Auschwitz war ein einzelner Mensch exakt 1629 Reichsmark wert. Dies entspricht umgerechnet 5831 Euro. In den Überlegungen von US-amerikanischen Militärwissenschaftern errechnet sich der Wert eines Menschenlebens aus den Kosten eines Krieges, geteilt durch die Zahl der Gefallenen. Je teurer der Krieg, desto höher der Wert des Einzelnen. So soll der Tod eines Menschen während Cäsars Feldzug in Gallien durchschnittlich 1,5 Euro gekostet haben, zu Napoleons Zeiten lag dieser Wert bei rund 5000 Euro, im ersten Weltkrieg bei 42.500 Euro und in einem modernen Krieg bereits bei mehr als 100.000 Euro.

Da hilft es wenig, dass Idealisten den Wert des menschlichen Lebensals "unbezahlbar" ansehen, da es sich dabei leider um keine wirtschaftliche Kennzahl handelt; unbezahlbare Ware lässt sich nicht handeln. Unter moralischen oder ethischen Gesichtspunkten mag die Berechnung des Wertes eines menschlichen Lebens ohnehin stets verwerflich sein, aber gerade im Versicherungs- oder Gesundheitswesen scheint diese Gedankenübung einen Nutzen zu haben.