Auf einen Republikaner wird Le Pen allem Anschein nach 2017 in der Stichwahl treffen: François Fillon. Nachdem die sozialistische Partei in Trümmern liegt, hoffen die FN-Gegner auf den Ex-Premier. Sein Vorwahlsieg gegen den moderaten Alain Juppé machte deutlich, dass die Konservativen keinen linksverträglichen Konsenskandidaten wollen und sich die Anhänger ebenfalls nach radikal anderen Antworten auf ihre Probleme sehnen. Jeder zehnte Franzose hat keinen Job, bei den Jungen sind es gar knapp 25 Prozent. In François Hollandes Amtszeit betrug das Wirtschaftswachstum seit 2012 zwischen läppischen 0,18 und 1,27 Prozent.

Während Le Pen auf Abschottung und Staatsinterventionen setzt, propagiert Fillon die ökonomische Öffnung: Die 35-Stunden-Woche wäre perdu, das Pensionsalter würde von 62 auf 65 Jahre erhöht werden - Le Pen dagegen will es auf 60 Jahre senken. Fillon möchte jede zehnte Staatsstelle streichen; 500.000 Beamte wären davon betroffen.

Diese Ansagen eröffnen dem FN Chancen, schließlich stehen insbesondere Arbeiter und Kleinunternehmer Fillons Liberalisierungspolitik skeptisch gegenüber. Bereits jetzt sind die Rechtsextremen stärkste Arbeiterpartei, und auch bei Staatsbediensteten zusehends populär.

Gleichzeitig müssten gesellschaftspolitisch Linke Fillon dermaßen ablehnen, dass sie den Urnen fernbleiben. Der 62-Jährige ist der Kandidat des ruralen Frankreich, viele städtische Wähler fremdeln mit ihm.

Wenn und aber, hätte und müsste. Die Aussichten auf einen Einzug Le Pens in den Élysée-Palast sind sehr mit Konjunktiv verbunden. Der Ultimative: Wie würde sich ein islamistischer Angriff während des Wahlkampfes auswirken? 230 Terror-Todesopfer hat Frankreich seit 2015 zu beklagen, so viele wie kein anderes europäisches Land.

Zeichen auf Kabinett Merkel IV

Während in Frankreich sowohl Le Pen als auch Fillon einen Bruch bedeuten, stehen in Deutschland die Zeichen auf ein Kabinett Merkel IV. "Liebe Bürger, Sie kennen mich. Wir hatten vier gute Jahre." Mit zwei Sätzen gewann Angela Merkel das TV-Duell 2013 gegen ihren SPD-Konkurrenten. Von ihr geschützt vor Eurokrise, Massenarbeitslosigkeit und Schuldendilemma, befanden sich die Deutschen im weltpolitischen Kokon. Das wäre womöglich so geblieben, hätte die Kanzlerin nicht die Folgen der Grenzöffnung 2015 derart unterschätzt.

Geringerer Popularität infolge ihrer Flüchtlingspolitik, Zwist in der konservativen Union und dem Aufkommen der Alternative für Deutschland (AfD) zum Trotz: Bei der Bundestagswahl im Herbst werden CDU/CSU aller Voraussicht nach deutlich siegen; bis zu 37 Prozent werden der Union derzeit prognostiziert. Das sind deutlich weniger als jene 41,5 Prozent 2013 und Merkel muss sich anrechnen, der von internen Streitereien zerfressenen AfD neues Leben eingehaucht zu haben. Aber in keiner Umfrage schafft die nationalkonservativ-populistische Gruppierung momentan mehr als 13 Prozent. Für deutsche Verhältnisse ist das viel, im Vergleich zu Österreich (FPÖ), Frankreich (Front National), Niederlande (Partei für die Freiheit), Schweden (Schwedendemokraten), Ungarn (Fidesz) oder Polen (Recht und Gerechtigkeit, PiS) aber ein geradezu läppischer Wert.

Demokratiepolitisch viel schwerer als der AfD-Aufstieg - mit ihr will niemand koalieren - wiegt, dass nach der Bundestagswahl wieder Schwarz-Rot droht. Anders als in Österreich ist die deutsche große Koalition ein Sonderfall. Dass die Linkspartei als derzeit größte Oppositionskraft nicht einmal zehn Prozent der Wähler für sich reklamieren kann, schnürt dem Berliner Parlamentarismus die Luft ab. Die fehlenden Debatten zwischen den Volksparteien sind Wasser auf den Mühlen der AfD, die von "Einheitsparteien" schwadroniert.

Egal ob Parteichef Sigmar Gabriel oder der frühere EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ins Rennen gegen Merkel geht: Die SPD dümpelt um 25 Prozent. Nichts bewegt sich auch ob einer Koalition mit den Grünen und der Linkspartei. In Kernfragen der BRD-Identität wie der Nato-Mitgliedschaft ist die Linke weiterhin nicht paktfähig.

Merkels größte Gefahr im Wahlkampf ist daher, dass die eigenen Funktionäre nicht für sie laufen. An der Basis war das Murren über ihren Flüchtlingskurs groß. Eine zugkräftige Alternative zur seit 2005 amtierenden Ostdeutschen gibt es jedoch nicht. Der Parteitag im Dezember zeigte aber den Autoritätsverlust der Kanzlerin: Die Delegierten sprachen sich dafür aus, die mit der SPD ausgehandelte doppelte Staatsbürgerschaft für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern zu kippen. Die Kanzlerin wird daher in den nächsten Monaten zwischen der Mitte, in die sie die CDU so konsequent geführt hat, und rechten Signalen in der Flüchtlings- und Migrationspolitik balancieren. Europapolitische Weichenstellungen - allen voran zur Zukunft der Währungsunion - werden hintenanstehen.

Diffizile Postenverteilung in den EU-Institutionen

Das könnte auch Berlins Interesse an den Personaldebatten verringern, die in den EU-Institutionen bevorstehen. Im Jänner wird ein neuer Präsident des EU-Parlaments gewählt, der Nachfolger von Martin Schulz. Die größte Fraktion im Abgeordnetenhaus, die Europäische Volkspartei (EVP), beansprucht den Posten für sich und hat Antonio Tajani zu ihrem Kandidaten gekürt. Auch andere Parteien haben ihre Bewerber schon aufgestellt.

Jedoch geht es dabei nicht nur um die Volksvertretung. Die Verteilung der Posten in der EU ist ein diffiziler Vorgang; Parlament, Kommission und der Vorsitz des Rates, der Staatenversammlung, bilden ein fein austariertes Gefüge, in dem parteipolitische Interessen ebenso zu berücksichtigen sind wie geografische Ausgewogenheit. Wenn aber Tajani tatsächlich an die Spitze des Abgeordnetenhauses wechselt, dann wäre er neben Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Ratspräsident Donald Tusk der dritte Politiker aus den Reihen der EVP. Die Vorstellung gefällt den Sozialdemokraten gar nicht.